Diakonie Hamburg
Dossier: Wohnungsnot
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Reportage

Wohnung verzweifelt gesucht – Wohnungsknappheit erschwert Arbeit der Diakonie

Lupe Matilda M. und ihre Kinder warten seit bald anderthalb Jahren in einer Notunterkunft auf eine Wohnung (Foto: Markus Scholz).

Für alle, die auf dem Wohnungsmarkt schlechte Karten haben, nimmt die Wohnungsnot dramatisch zu. Aus dem Frauenhaus, nach der Haftentlassung oder aus der Notunterkunft eine Wohnung zu finden, ist heute viel schwieriger als noch vor ein paar Jahren. Längst erschwert die Wohnungsnot die Arbeit der Diakonie in vielen Bereichen. So wie bei Matilda M.* (Name geändert), die mit ihren zwei kleinen Kindern in einer Notunterkunft lebt.

Mitte April hatte Matilda M. ihre erste Wohnungsbesichtigung. Seit fast anderthalb Jahren sucht sie eine Bleibe für sich und ihre beiden Kinder – mit Unterstützung der Diakonie, der bezirklichen Fachstelle für Wohnungsnotfälle und zuletzt auch einer Sozialpädagogin von „fördern & wohnen“. Sie sah sich kurz vorm Ziel. Drei Zimmer! Sie schluckt: “Bei der Besichtigung haben sie mir gesagt, ich kann die Wohnung haben, kann meine Sachen holen und einziehen.” Am nächsten Tag rief sie bei der Wohnungsverwaltung an, um einen Termin für die Vertragsunterzeichnung zu vereinbaren. “Da sagte die Frau nur: Tut mir leid, die Wohnung haben wir an jemand anders vergeben.” Matilda M.s Stimme verrutscht: “So sitze ich immer noch hier und warte.”

Sie erzählt ihre Geschichte in einem vollgestellten Zimmer in der Notunterkunft in Sülldorf. Drei Betten, ein Schrank, ein Tisch, zwei Stühle. Ein Stapel Wäsche wartet hinter ihr aufs Zusammenlegen, an der Wand stapeln sich Koffer. Ein würziger Geruch von der letzten Mahlzeit hängt in der Luft. Ihre Tochter (1) quengelt und windet sich auf ihrem Schoß, der dreijährige Sohn fällt ihr immer aufs Neue ins Wort.

Seit Februar 2014 lebt die 35jährige aus Ghana in Hamburger Notunterkünften. Seit Anfang 2015 kommt sie in die Sprechstunde im Integrationszentrum Hamburg-Nord, das zum Diakonischen Werk gehört.

Matilda M. kam mit einem Arbeitsvisum nach Europa, hat fünf Jahre in Norditalien gearbeitet, spricht außer ihrer Muttersprache Twi Englisch und Italienisch und einige Brocken Deutsch. Sie verliebte sich in einen in Hamburg lebenden Ghanaer, gab seinetwegen ihre Wohnung und den festen Job in Italien auf und zog mit ihrem kleinen Sohn zu ihm. Doch der neue Partner betrog sie mit einer anderen Frau und warf sie eines Tages aus der Wohnung. Matilda M. stand auf der Straße. Mit einem Zweijährigen, ohne Job, ohne Wohnsitz und schwanger.

Hilfe von der Diakonie
Seitdem versucht sie, ihr Leben wieder zu ordnen. Ein Sozialberater des Integrationszentrums der Diakonie hilft ihr dabei. Nicolas Moumouni organisiert für seine Klienten Deutschkurse, kümmert sich um ausländerrechtliche Fragen und hilft, Kitaplätze für die Kinder zu finden. Aber mehr und mehr dreht sich seine Arbeit um Wohnungsnot. Viele seiner Klienten wohnen in viel zu kleinen oder schimmeligen Wohnungen. Wenn es schon für Mittelschichtfamilien schwer ist, angemessenen und bezahlbaren Wohnraum zu finden, haben es sozial Benachteiligte besonders schwer. Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen in anderen Beratungsstellen beobachtet Moumouni: “Es ist in den letzten Jahren für unsere Klienten noch deutlich schwieriger geworden, eine Wohnung zu bekommen.”

Schlechte Chancen auf eine Wohnung
Seit langem ist Matilda M. als „vordringlich wohnungssuchend“ anerkannt. Das Jobcenter würde die Miete übernehmen. Auf dem freien Wohnungsmarkt ist es für sie als arbeitslose, alleinerziehende Mutter mit geringen Deutschkenntnissen so gut wie aussichtslos. Doch auch die geringe Höhe der Richtwerte, die festlegen, wie teuer die Miete sein darf, ist ein Problem: Es ist nicht so, dass Matilda M. der ganze Wohnungsmarkt offenstehen würde. Nur ein sehr kleiner Teil der frei werdenden Wohnungen bleibt mit seinem Mietpreis innerhalb der Richtwerte. Die Tatsache, dass sie in einer Notunterkunft lebt, macht es ihr noch schwerer, denn Wohnungslose werden am Wohnungsmarkt besonders benachteiligt.

Auch die Chancen, in absehbarer Zeit eine Wohnung über die bezirklichen Fachstellen für Wohnungsnotfälle vermittelt zu bekommen, stehen schlecht: Es gibt einfach zu viele Menschen, die genauso dringend wie Matilda M. darauf warten. Ihr Sozialberater hat noch eine ganze Reihe von Klienten, die ebenfalls mit ihren Familien in Notunterkünften leben. Und selbst die Plätze dort reichen für die vielen Wohnungslosen nicht mehr aus. Die Zahl der Menschen, die in Hamburg auf der Straße leben, steigt, die Angst vor Obdachlosigkeit ebenfalls.


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