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Ein Einblick in die Obdachlosenhilfe in Hamburg

Lupe Pavel Liaks, Sozialarbeiter bei der Wohltätigkeitsorganisation Nochlezkha in St. Petersburg, war zu Besuch in Hamburg

Pavel Liaks ist 29 Jahre alt und arbeitet in St. Petersburg als Sozialarbeiter bei der Wohltätigkeitsorganisation Nochlezkha [Nachtasyl], die sich vor Ort für obdachlose Menschen einsetzt. Im Rahmen einer über 15-jährigen Partnerschaft zwischen Nochlezkha und der Diakonie Hamburg hat er sich drei Wochen lang Einrichtungen der Obdachlosenhilfe in Hamburg angesehen. Die Partnerschaft, in der fachlicher Austausch und Unterstützung eine wichtige Rolle spielen, ist auch in die Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und St. Petersburg eingebunden.

 

1.Wie kam es zu Ihrer Hospitation hier in Hamburg?

Meine Organisation in St. Petersburg hat mir angeboten, nach Hamburg zu fahren, um zu sehen und zu verstehen, wie hier in Hamburg Obdachlosenhilfe funktioniert und geleistet wird. Im letzten Jahr waren bereits Kolleginnen und Kollegen von Nachtasyl zu Besuch in Hamburg und sie sagten, es sei für sie sehr interessant gewesen, einen tieferen Einblick in die Arbeit mit obdachlosen Menschen hier in der Stadt zu bekommen. Daraus und aus der Verbundenheit über die Städtepartnerschaft entstand die Idee für diese Hospitation.

2 Was ist Ihr Eindruck von der Obdachlosenhilfe in Hamburg?

Ich habe so viele Eindrücke in meiner Zeit hier gewonnen, weil es so viele Unterschiede zwischen Russland und Deutschland, zwischen St. Petersburg und Hamburg gibt. Zum Beispiel hat mich zunächst einmal die Menge und Vielfalt verschiedener Organisationen beeindruckt, die obdachlosen Menschen Hilfe anbieten. Hauptsächlich war ich im „herz as“, einer Tagesaufenthaltsstätte der Organisation Hoffnungsorte Hamburg, aber ich habe mir nicht nur diakonische Einrichtungen angesehen, sondern habe auch Projekte der Stadt und der Caritas besucht, um einen Eindruck des Hilfesystems vor Ort zu bekommen. Bemerkenswert fand ich auch, dass sie spezielle Angebote für spezifische Gruppen anbieten: Es gibt Projekte extra für männliche Obdachlose ebenso wie für Frauen, es gibt Angebote für Obdachlose mit Hunden oder mit Kindern und es gibt Hilfen für Obdachlose mit Drogen- oder psychischen Problemen. So etwas gibt es in St. Petersburg nicht.

3. Was sind darüber hinaus weitere Unterschiede zwischen der Arbeit mit Obdachlosen in Hamburg und St. Petersburg?

Zum einen unterscheidet sich das russische Klientel zum Beispiel deutlich vom deutschen: In Hamburg teilt sich die Gruppe obdachloser Menschen grob in heimische Obdachlose und Obdachlose, die aus dem Ausland kommen, vor allem aus Osteuropa und Afrika. In St. Petersburg haben wir nicht viele Klienten, die nach Russland migriert sind. Zum anderen haben wir in St. Petersburg weniger Hilfsangebote und Organisationen, aber mehr Obdachlose. In Hamburg liegt die offizielle Zahl von Obdachlosen bei 2.000, in St. Petersburg sind es circa 60.000, obwohl das nicht offiziell gesagt wird.

4. Wie sieht die Arbeit in Ihrer Organisation aus?

Nochlezhka ist eine kleine Organisation, die aber sehr komplexe Hilfsangebote macht:  wir haben z.B. eine Nachtunterkunft und eine niedrigschwellige Beratungsstelle , in der obdachlosen Menschen in vielen Fragen weitergeholfen wird. Es geht sowohl um soziale als auch um juristische Beratung. Täglich kommen etwa 50 bis 70 Menschen in die Beratung. Wir haben mit 52 Plätzen die größte Unterkunft für obdachlose Menschen in St. Petersburg. In der Regel leben sie dort zwischen drei und sechs Monaten, aber in schwierigen Fällen auch bis zu zwei Jahren. Wir haben auch einen Nachtbus, ähnlich wie der Mitternachtsbus der Diakonie Hamburg, mit dem wir pro Nacht durchschnittlich zwischen 150 und 200 obdachlose Menschen erreichen. Das klingt nicht schlecht, aber wir könnten noch viel mehr von ihnen erreichen und helfen. Leider haben wir nicht so viele Ressourcen wie die Hamburger Organisationen – weder personell noch finanziell. Es scheint mir hier einfacher zu sein, Gelder vom Staat oder der Kirche zur Unterstützung der Arbeit zu bekommen, als das in St. Petersburg der Fall ist. Dort sind wir hauptsächlich auf private Unterstützer angewiesen.

5. Was hat Sie in Hamburg besonders beeindruckt?

Ein ganz tolles Beispiel finde ich die Bahnhofsmission. So eine Organisation haben wir in St. Petersburg nicht, aber ich glaube, es ist total sinnvoll und nützlich, direkt am Hauptbahnhof zu sein und rund um die Uhr eine Anlaufstelle für obdachlose Menschen zu haben. Denn es gibt immer viele Obdachlose rund um Bahnhöfe, auch weil sie dort teilweise aus anderen Ländern ankommen und nicht wissen, was sie tun oder wo sie hin sollen. Also können sie zur Bahnhofsmission gehen, wo sie einen Kaffee trinken und ihre Verwandten oder Freunde anrufen können und zusätzlich Informationen zu weiteren Hilfsangeboten bekommen können. Sehr beeindruckt war ich auch vom „Drob Inn“, einer Kontakt- und Beratungsstelle des Vereins Jugendhilfe e.V. in St. Georg, in der es einen geschützten Raum gibt, in dem Erwachsene illegale Drogen konsumieren können. Ziel ist, die Menschen überhaupt erstmal zu erreichen und dann das Überleben dieser Menschen zu sichern. Man bekommt dort z.B. saubere Nadeln zum Spritzen, womit das Infektionsrisiko von HIV eingedämmt wird, und langfristig soll natürlich ein Weg aus der Sucht gefunden werden. Das ist ein tolles Projekt, aber das würde es in Russland so niemals geben. Wer Drogen nimmt wird sofort verhaftet. Es gibt allerdings auch in St. Petersburg ähnliche Angebote und Versuche, drogenabhängige Menschen zu erreichen, indem sie beispielsweise an einem Bus einen HIV-Test machen und ihre Nadeln austauschen können.

6. Welche Programme oder Projekte interessieren sie noch, in welchen Bereich fänden Sie es spannend, mehr zu erfahren und darin weiterzuarbeiten?

Am meisten interessieren mich die Projekte mit Menschen, die nicht unbedingt psychische Probleme, aber eben Schwierigkeiten haben, sich im Alltag zurechtzufinden. Das ist sehr spannend für mich, weil unsere Arbeit in Nochlezhka meist nicht so weit reicht. Wir helfen mit neuen Pässen, beim Ausfüllen von Formularen und Dokumenten und auch beim Finden einer neuen Arbeitsstelle. Aber manchmal können wir damit die Probleme nicht lösen, die danach bestehen bleiben oder die vielleicht schon zur Obdachlosigkeit geführt haben. Manche können zum Beispiel einfach nicht pünktlich zu Terminen erscheinen oder wissen nicht, wie man Rechnungen bezahlt oder wie man in einer Wohnung wohnt. Wenn jemand fünf oder zehn Jahre auf der Straße gelebt hat, dann ist es einfach sehr schwierig, sich wieder in das System einzugliedern.

7. Was nehmen Sie von Ihrer Hospitation mit nach St. Petersburg?

Durch die Städtepartnerschaft haben wir die Möglichkeit uns anzusehen, wie die Sozialarbeit in Hamburg arbeitet und aufgestellt ist, um mit den vielen unterschiedlichen Problematiken umzugehen. Dadurch können wir uns vielleicht auch was abgucken und für unsere Arbeit in St. Petersburg übernehmen. Ich habe hier einige Projekte und Herangehensweisen kennengelernt, von denen ich glaube, dass sie sehr nützlich sein könnten für Nochlezhka. Wir haben in St. Petersburg zum Beispiel keine Straßensozialarbeiter, die proaktiv den direkten Kontakt zu den Menschen auf der Straße suchen und aufnehmen und sie über weitere Hilfsangebote aufklären. Das ist schon ein Problem, denn manchmal rufen uns Leute an, wenn sie einen obdachlosen Menschen sehen und fragen, ob und wie sie helfen können oder wie wir helfen können. Dann müssen wir immer sagen, dass er erst zu uns kommen muss, bevor wir ihm helfen können. Mit Straßensozialarbeitern würden wir da ein gutes Stück weiterkommen und unsere Arbeit deutlich besser machen. Daran anschließend kann ich mir vorstellen, dass wir ähnlich wie in Hamburg auch Tagesaufenthaltsstätten aufbauen könnten. In ganz St. Petersburg bieten wir in Nochlezhka aktuell die einzige Dusche für obdachlose Menschen an. Mit mehreren Anlaufstellen könnten wir auch dieses Problem ein bisschen schmälern. Wenn ich nach Hause komme, werde ich meinen Kollegen einiges erzählen und dann schauen wir, was sich bei uns umsetzen lässt. Außerdem werde ich einen Bericht schreiben und daraus können wir eventuell mit unserer Partnerstadt Hamburg gemeinsam Lösungen entwickeln.

Wer mehr über die Arbeit von Nochlezkha erfahren will, kann auch die englischsprachige Homepage der Organisation besuchen.

Veröffentlicht am 24. Juli 2017