3 Fragen an den neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Andreas Theurich | Diakonisches Werk Hamburg
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3 Fragen an den neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Andreas Theurich

Lupe Pastor Dr. Andreas Theurich (Foto: Stefan Albrecht/Das Rauhe Haus)

Die Mitgliederversammlung des Diakonischen Werkes Hamburg hat Pastor Dr. Andreas Theurich, Vorsteher der Stiftung Das Rauhe Haus, zum neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrats gewählt. Im Interview erzählt er, wie er zur Diakonie kam, warum es das Diakonische Werk braucht und was er als größte Herausforderung für die Diakonie sieht.

Wie sind Sie zur Diakonie gekommen?

Andreas Theurich: Ehrlich gesagt nicht im Theologiestudium und im Vikariat, wo Diakonie und Diakonische Praxis damals und wohl auch heute noch nur am Rande vorkamen – leider. Ich habe aber während meiner Studienzeit in Hamburg ziemlich viel in der Pflege und in Wohngemeinschaften für Kinder und Jugendliche der Stiftung Anscharhöhe gearbeitet und durfte dort wichtige Erfahrungen machen, die mich sehr geprägt haben. Ebenso wie die dann ein halbes Jahr gemachten Erfahrungen in der damals noch üblichen Wartezeit auf das Vikariat, in der ich eine Elternzeitvertretung für eine Jugenddiakonin in Wedel wahrnehmen konnte.

Diakonisches Handeln und theologische Reflexion dieses Handelns  waren und sind mir seitdem sehr wichtig. Und ein guter Ort, diese beiden Seiten zu verbinden, war die Ausbildung von Diakon*innen. Diese habe ich zunächst fünf Jahre lang im damaligen Diakonisch-Theologischen-Studienseminar in Preetz verantworten dürfen und dann später in der Ev. Hochschule der Stiftung Das Rauhe Haus als Dozent und Rektor, wo ja seit 50 Jahren Sozialarbeiter*innen und Diakon*innen integriert studieren. Diakonische Praxis und diakoniewissenschaftliche Theorie und Reflexion – das sind für mich zwei ganz wichtige Aspekte, die wir in der Diakonie brauchen. Seit zwei Jahren verantworte ich nun vor allem das Management der Praxis eines diakonischen Unternehmens – allerdings immer noch als Pastor und Theologe, der gerne die beiden genannten Aspekte zusammendenken möchte.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung für die Diakonie in der nächsten Zeit?

Da könnte man die bekannten Themen aufzählen: Nachhaltigkeit in den Diakonischen Trägern und Unternehmen, Digitalisierung von Arbeitsprozessen, Inklusion und Partizipation der Menschen, in deren Auftrag wir handeln, Umgang mit der Vielfalt und Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft und damit auch der Mitarbeitenden in der Diakonie. Wir nennen das im Rauhen Haus Religions- und Kultursensibilität nicht nur im Blick auf Klient*innen sondern eben auch nach innen im Blick auf die Mitarbeitenden. Vielfalt also nicht nur wahrzunehmen, sondern zu schätzen und zu fördern und darin das eigene Profil als Diakonie dennoch sichtbar zu machen und vor allem in den Dialog zu bringen – das ist sicher ein großes Thema für die Zukunft.

Dennoch gehört für mich gerade jetzt in der Pandemie, die unsere Gesellschaft so erschüttert, verunsichert und verängstigt auch dazu, Diakonie und Soziale Arbeit als konstruktiv kritisches und zugleich verlässliches Gegenüber sozialstaatlicher Politik immer wieder ins Gespräch zu bringen und die Anliegen der Menschen – nicht der eigenen Institution – offensiv zu vertreten. Natürlich ist damit das Thema der Finanzierung diakonischer Arbeit auch des Dachverbandes berührt, hier auch im Gespräch mit der Landeskirche. Ich bin der festen Überzeugung, dass die zukünftige Kirche Jesu Christi nur eine engagiert diakonische Kirche sein kann. Was das genau heißt und wie es in Strukturen zu bringen ist, wird sicher eine der ganz großen Herausforderungen der Zukunft sein.  

Sie leiten die Stiftung Das Rauhe Haus, die Mitglied bei uns im Landesverband ist – und engagieren sich außerdem nun als Aufsichtsratsvorsitzender im Landesverband des DW. Warum ist das Diakonische Werk aus Sicht eines Mitglieds wichtig, auch für große Mitgliedseinrichtungen?

Das Diakonische Werk leistet aus meiner Sicht ausgesprochen wichtige Aufgaben, die kein größeres Diakonieunternehmen aus sich heraus allein leisten kann. Ich meine damit besonders die anwaltschaftliche Seite der Diakonie, die in unserer entgeltfinanzierten Leistungsangeboten der Pflege und des Gesundheitswesens, der Eingliederungshilfe, der Kinder- und Jugendhilfe und der Bildung oft nicht so sehr zum Tragen kommt, die aber ungemein wichtig ist. Diakonieunternehmen dürfen kein Selbstzweck sein, sondern sie sind eine organisierte Form, die Bedarfe von Menschen im Sinne des Evangeliums menschengerecht und effektiv zu unterstützen und zu verwirklichen. Das war sicher schon ein Anliegen Wicherns. Dazu braucht es aber sehr viel sozialpolitische Expertise und Kompetenz, Beratung, Vernetzung, Kommunikation, öffentliche Einmischung und Wahrnehmung, Lobbyarbeit und vieles mehr. Das sollte Diakonie mit vereinten Kräften tun – und das leistet zu einem guten Teil das Diakonische Werk. Dabei mitzuwirken im Aufsichtsrat ist mir eine große Freude.

Veröffentlicht am 29. November 2021