Diakonie Hamburg

Pressemeldung

Prostitution in Hamburg: Helfen statt verbieten

Lupe

Im Rahmen einer Fachtagung zur Lebenssituation von Migrantinnen aus Rumänien mit dem Titel „Zwischen Handel, Suche nach Arbeit und Prostitution“ am 11. Dezember wandte sich die Hamburger Diakonie gegen ein Prostitutionsverbot und stellte stattdessen einen 5-Punkte-Plan für die soziale Beratung von Prostituierten und gegen Gewalt, sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel in Hamburg vor.

Diakonie-Vorstand Gabi Brasch: „Für uns als Diakonie steht die Lebenssituation der Prostituierten im Mittelpunkt. Ein Verbot der Prostitution halten wir weder für wirksam noch für ethisch begründbar. Was wir bekämpfen müssen sind sexualisierte Ausbeutung, Gewalt und Menschenhandel.“ 

Der 5-Punkte-Plan der Diakonie beschreibt, welche Maßnahmen ab 2015 in Hamburg und bundesweit ergriffen werden sollten:

  • Abschaffung der Verordnung zum Kontaktanbahnungsverbot in St. Georg
  • Auskömmliche Finanzierung von verbindlichen, interkulturell sensiblen Beratungsstrukturen zu Prostitution und Menschenhandel
  • Installierung eines dauerhaften Runden Tisches zu Prostitution in Hamburg
  • Engagement für die vollständige Umsetzung der EU-Richtlinie 2011/36 zur Stärkung des Opferschutzes für Betroffene von Menschenhandel
  • Schaffung eines Prostitutionsschutzgesetzes, welches die Rahmenbedingungen für Prostitution zwar reguliert; die Prostituierten selber aber nicht durch Meldepflicht stigmatisiert und niedrigschwellige Beratung in den Maßnahmenkatalog aufnimmt.

In Hamburg sind besonders Frauen aus Rumänien und Bulgarien als Straßenprostituierte tätig. Damit sind sie oftmals Repressionen, schlechten Arbeitsbedingungen mit mangelnder Gesundheitsversorgung ausgesetzt. Es ist außerordentlich notwendig, verstärkte Kooperationen mit Partnerorganisationen in den Herkunftsländern zu entwickeln. 

Angela Bähr, Fachbereichsleiterin Migrations- und Frauensozialarbeit: „Wir schätzen, dass mehr als fünfzig Prozent der Prostituierten in St. Georg aus Osteuropa kommen. Die wirtschaftliche Not und keine Perspektiven dort führen dazu, dass Frauen hier verstärkt ihren notwendigen Lebensunterhalt in der Prostitution suchen. Als Diakonie werden wir deshalb Prostituierte aus Osteuropa verstärkt unterstützen.“
 

Für weitere Informationen steht Ihnen Frau Angela Bähr, Fachbereichsleiterin Migrations- und Frauensozialarbeit, unter Tel. 040 30 62 0-219 gern zur Verfügung.
 

Hintergrundinformationen 
Prostitution in Deutschland

Es gibt keine verlässlichen empirischen Daten, wie viele Personen in der Prostitution und in den jeweiligen Bereichen tätig sind. Nach polizeilicher Kenntnis gibt es in Hamburg ca. 2.500 Prostituierte (ca. 2.400 Frauen und 100 Männer), wobei von den Fachberatungsstellen von einer höheren Dunkelziffer ausgegangen wird. Für Deutschland bewegten sich seriöse Hochrechnungen 2001 noch in einer Spannbreite von 64.000 bis zu 200.000 Prostituierten.[1] Seitdem haben sich Struktur und Zusammensetzung der Szene allein durch die EU-Osterweiterung, die den EU-Bürgerinnen und -Bürgern einen legalen Aufenthalt in Deutschland gestattet, stark verändert. Die aktuelle Situation ist geprägt durch wachsende globale Ungleichheiten: Länder im politischen und gesellschaftlichen Umbruch, Finanzkrisen und wirtschaftliche Not, denen Wanderungen folgen, die auf restriktive Migrationsgesetze stoßen.

Wirtschaftliche Not und Perspektivlosigkeit in den Herkunftsländern sowie fehlende Zugänge zum Arbeitsmarkt in Deutschland führen dazu, dass etliche Migrantinnen in der Prostitution eine Erwerbsmöglichkeit sehen. Sexuelle Dienstleistungen werden größtenteils von Frauen angeboten; kleinere Marktsegmente gibt es für Transsexuelle und für junge Männer. Die meisten der Freier sind männlich – die Debatte um Prostitution und Menschenhandel bedarf auch einer gleichstellungspolitischen Dimension, da es in der Regel die Prostituierten sind, die nach wie vor gesellschaftlich diskriminiert werden. Die Grauzone zwischen selbstbestimmter, in Deutschland legaler Prostitution und sexualisierter Ausbeutung und Menschenhandel ist groß.

In St. Georg wird geschätzt, dass über 50% der Prostituierten dort aus Rumänien und Bulgarien stammen. Ihre Sprach- und Arbeitskenntnisse sind meist sehr rudimentär; die sozialen und gesundheitlichen Rahmenbedingungen außerordentlich schwierig. Viele der Prostituierten haben zunächst keinen Zugang zur Krankenversicherung. Nur durch niedrigschwellige, aufsuchende Beratungen ist es möglich, dieses Grau zu erhellen und allen Rat suchenden Frauen Unterstützung anzubieten.
 

Menschenhandel

Deutschland gehört zu den Hauptziel- und Durchreiseländern des internationalen Menschenhandels. Aufgrund des ökonomischen Gefälles zwischen Herkunfts- und Zielländern und fehlender Menschenrechte wandern viele Menschen in ein wohlhabenderes Land in der Hoffnung auf ein besseres Leben aus. Der Internationale Menschenhandel ist Teil der organisierten Kriminalität. Die Gewinne sind hoch, das Risiko
für die Täter und Täterinnen dagegen gering. Es sind vor allem Mädchen und Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren. Sie benötigen besonderen Schutz. Dieser Schutz sollte einen Opferschutz ebenso wie ein Bleiberecht umfassen.

[1] Vgl. Beate Leopold/Elfriede Steffan, Dokumentation zur rechtlichen und sozialen Situation von Prostituierten in der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 2001

Veröffentlicht am 11. Dezember 2014