Diakonie Hamburg

Pressemeldung

Lage für Wohnungslose in Hamburg spitzt sich zu – Diakonie fordert schnelle Hilfe

Lupe Diakoniechef Dirk Ahrens (l.), "Herz As"-Leiter Andreas Bischke

Bei einem kurzfristig angesetzten Besuch in der Tagesaufenthaltsstätte Herz As informierte sich Diakoniechef Dirk Ahrens über die immer schwierigere Situation für Wohnungslose in Hamburg.

Mit dem Ende des Winternotprogramms zum 31. März 2015 sind über 900 Übernachtungsplätze weggefallen. Seitdem hat sich die Lage für wohnungslose Menschen weiter stark verschlechtert: Die Zahl der obdachlos auf der Straße lebenden Menschen nimmt zu, die Stadt bringt viele Wohnungslose nicht mehr unter, das Pik AS weist Wohnungslose ab, auch Hilfseinrichtungen wie die Tagesaufenthaltsstätte Herz As sind völlig überlastet. Die Diakonie schätzt, dass inzwischen mindestens 2.000 Menschen in Hamburg obdachlos auf der Straße leben.

Die Diakonie hält es für nötig, dass die Bekämpfung der Wohnungslosigkeit politisch höchste Priorität bekommt. Landespastor Dirk Ahrens: „Für uns gilt unverändert: In Hamburg darf niemand gezwungen sein, die Nacht auf der Straße zu verbringen. Das ist ein Menschenrecht und steht auch so im Gesetz. Deshalb brauchen wir schnelle Hilfen: vor allem Unterkünfte und Wohnungen aus dem Bestand. Außerdem sollte der neue Senat konkret sagen, im welchem Umfang und bis wann er die Wohnungslosigkeit abbauen will. Was im Koalitionsvertrag dazu steht, ist zu wenig und zu unbestimmt. Wenn die neue Regierung ihre Kräfte wirklich konzentriert, halte ich eine Halbierung der Wohnungslosigkeit in fünf Jahren für realistisch. Bei diesem Ziel kann die Politik auf die Unterstützung der Diakonie und der anderen Wohlfahrtsverbände bauen.“

Andreas Bischke, Leiter der Tagesaufenthaltsstätte Herz As: „Die Situation spitzt sich seit Ende März immer mehr zu: Die Stadt kommt ihrer Verpflichtung, Obdachlosigkeit abzuwenden in großen Teilen nicht mehr nach. Obdachlose, die weg von der Straße wollen und um Unterbringung nachsuchen, werden häufig von den Behörden abgewimmelt, vertröstet oder auf die Notübernach-tungsstätte Pik As verwiesen. Und selbst dort müssen Wohnungslose wegen Überauslastung immer öfter abgewiesen werden. Doch diese Menschen sind hier und sie brauchen jetzt unsere Hilfe.“

Bischke gab ein praktisches Beispiel für die Überlastung der Hilfseinrichtungen: „Es gibt in Hamburg nur zwanzig Duschen für alle Wohnungslosen. Statistisch gesehen müssen zurzeit Obdachlose drei Wochen warten, um wieder heiß duschen zu können.“

Hintergrund
Mit Ende des Winternotprogramms wurden mehr als 900 Personen ohne Perspektive auf die Straße entlassen, nach Angaben der Sozialbehörde wurden nur 23 Personen in eine reguläre Wohnunterkunft vermittelt, nur 19 konnten in Wohnprojekte, Kirchenkaten oder Wohnungen ziehen, 53 Personen kehrten zu ihren Familien zurück.
Wohnungslose Menschen haben bereits seit längerer Zeit kaum noch Zugang zum Unterbringungssystem. Einerseits gibt wegen des engen Hamburger Wohnungsmarktes und besonders durch die weiter sinkende Zahl von Sozialwohnungen viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum. Andererseits werden die Wohnunterkünfte zurzeit zwar stark ausgebaut. Die vermittelnden Fachstellen für Wohnungslose haben jedoch keinen strukturell gesicherten Zugriff auf Unterbringungsplätze. Wenn die Fachstellen von neu errichteten Unterbringungseinheiten erfahren, sind diese meist bereits belegt.

Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose „Herz As“
Die Tagesaufenthaltsstätte Herz As wurde 1981 gegründet und ist eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe. Träger ist die gemeinnützige GmbH „Herz As Hamburg gGmbH“, deren alleiniger Gesellschafter die hoffnungsorte hamburg/Verein Stadtmission Hamburg ist. Die Finanzierung erfolgt aus Zuwendungen der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration sowie aus Eigenmitteln.
Im Herz As arbeiten vier hauptamtliche Sozialpädagogen und eine Verwaltungsfachkraft. Unterstützt werden sie von ehemaligen Besuchern, die als geringfügig Beschäftigte im Wirtschafts- und Hygienebereich eingesetzt sind, und von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Leiter des Herz As ist Andreas Bischke.

Was zu tun ist: Die Position der Hamburger Diakonie
Grundsätzlich gilt: Die Stadt muss ihrer rechtlichen Verpflichtung nachkommen und unfreiwilliger Obdachlosigkeit abhelfen. Denn Obdachlosigkeit ist eine Gefahr für Leib, Leben und Würde. Dies gilt auch für Menschen, deren sozialrechtliche Ansprüche strittig sind oder verneint werden.

  1. Der neue Senat sollte der Bekämpfung der Wohnungslosigkeit in dieser Legislaturperiode hohe Priorität einräumen und konkrete und zeitlich definierte Ziele zum Abbau der Wohnungslosigkeit beschließen. Eine Halbierung in den nächsten fünf Jahren ist dabei ein realistisches Ziel.
  2. Kurzfristig muss der Zugang zur öffentlichen Unterbringung für wohnungslose Menschen gesichert beziehungsweise verbessert werden. Dazu ist Hamburg allein aus rechtlichen Gründen verpflichtet. Die Fachstellen brauchen einen besseren, gesicherten Zugriff auf Unterbringungsplätze, z. B. über ein bestimmtes, ihnen zur Verfügung stehendes Kontingent. Dann kann auch das Pik As seiner Aufgabe als Notunterbringung wieder besser nachkommen.
  3. Die Versorgung mit Wohnungen für wohnungslose Menschen muss nicht nur durch Neubau von Sozialwohnungen, Konzeptausschreibungen und weitere langfristig wirkende Maßnahmen, sondern auch kurzfristig verbessert werden, das entlastet auch die öffentliche Unterbringung: Die Wohnungswirtschaft – insbesondere die SAGA GWG ist gefordert – sie muss deutlich mehr Wohnungslose versorgen. Der Beitrag der SAGA GWG zur Verbesserung vordringlich Wohnungssuchender soll laut Koalitionsvertrag nur geringfügig von 1.700 auf 1.900 Wohneinheiten erhöht werden. Das ist entschieden zu wenig. Die Diakonie und die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e.V. (AGFW) fordern seit langem: Jede zweite Neuvermietung von SAGA GWG an vordringlich Wohnungssuchende (das hieße ca. 4.500 pro Jahr), davon an 2.000 Wohnungslose.
  4. In Hamburg gibt es nach wie vor Stadtteile, in denen Sozialwohnungen legal von eigentlich Nichtberechtigen gemietet werden können. Diese bestehenden, sogenannten Freistellungsgebiete sollten und können kurzfristig aufgehoben werden, so gäbe es sofort und ohne Kosten jährlich mehr als 300 zusätzliche Wohnungen für vordringlich Wohnungssuchende.

Veröffentlicht am 23. April 2015