Diakonie Hamburg

Pressemeldung

Appell an die Bundespolitik: Das Thema „Pflege“ muss auf Platz 1 der politischen Agenda

Lupe Die To-Do-Liste für die Pflege in den Händen von Frank Schira , Katrin Kell (Diakonisches Werk, Fachbereichsleitung Pflege und Senioren), Renate Gamp (Vorsitzende DEVAP), Anja Hajduk, Kersten Artus, Dr. Matthias Bartke , Sebastian Liebram, Herbert Schalthoff (von links nach rechts) (Fotograf: Markus Scholz)

Hamburger Bundestagskandidaten stellten sich der Diskussion bei der Hamburger Diakonie mit über 70 Fachkräften aus der Pflege

Wie soll die Pflege in Zukunft bezahlt werden? Woher kommen die Fachkräfte? Wie können immer weniger junge Menschen immer mehr alte Menschen versorgen? Diese Fragen diskutierten engagiert und kontrovers fünf Hamburger Kandidaten für die Bundestagswahl mit Hamburger Pflegekräften. Eingeladen zu der Veranstaltung am 7. August im Altonaer Dorothee-Sölle-Haus hatte die Hamburger Diakonie im Rahmen der Kampagne „An die Pflege denken“. 

Renate Gamp (Vorsitzende des Deutschen Evangelischen Verbands  für Altenarbeit und Pflege e.V.)  leitete die Veranstaltung ein mit den pflegepolitischen Forderungen der Diakonie: Menschenwürdige Pflege braucht ganzheitliches, professionelles Handeln mit Zuwendung und Aufmerksamkeit. An den Zeit-, Geld- und Personal-Ressourcen dafür jedoch mangelt es. Die Politik wird aufgefordert, den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff zügig einzuführen, Veränderungen im Leistungsrecht umzusetzen und mehr Geld für die Pflege bereitzustellen für eine Pflege-Reform, die diesen Namen verdient und die weit über das aktuelle Pflege-Neuausrichtungsgesetz (PNG) hinausgeht. Die Altenpflege „befindet sich in einer akuten Notsituation“ und brauche „vielleicht einen ‚Soli‘ für die Pflege“, so Gamp. In der anschließenden  Podiumsdiskussion unterstrich sie, dass es für die Dringlichkeit der Lösungen kein Erkenntnisproblem gäbe, wohl aber ein Umsetzungsproblem seitens der Politik.

Auf dem Podium debattierten Frank Schira (CDU), Dr. Matthias Bartke (SPD), Sebastian Liebram (FDP), Kersten Artus (Die Linke), Anja Hajduk (Bündnis 90/Die Grünen) und Renate Gamp  (DEVAP) zum Reformstau in der Pflege, zu  nachhaltigen Finanzierungsmodellen und zur Zukunft und Attraktivität des Pflegeberufs.

Der Grund für den Reformstau in der Pflege liegt nach Auffassung von Frank Schira (CDU) darin, dass Pflege leider nicht auf Platz 1 der politischen Agenda stehe. Kersten Artus (Die Linke) kritisierte, dass es den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff schon seit 2009 gäbe, aber dass seit vier Jahren nichts passiert sei.  Aus dem Publikum wurde der deutliche Appell an die Politik formuliert, dass die Pflege auf Platz 1 der bundespolitischen Tagesordnung gehört. Man hoffe, dass die Politik in den nächsten vier Jahren nicht erneut versage beim Thema Pflege.

Im Saal herrschte Einigkeit darüber, dass „wir eine Gesellschaft brauchen, die würdig mit alten Menschen umgeht und fair mit den Beschäftigen“, so wie es Anja Hajduk von den Grünen formuliert. Einigkeit herrscht auch über alle Parteien hinweg darüber, dass die unausweichliche demographische Entwicklung den Ausbau der Finanzierung der Pflege notwendig macht. Wie die Bürgerinnen und Bürger daran beteiligt werden sollen, unterschied sich dagegen deutlich. Die FDP setzt auf  private Vorsorge mit dem „Pflege-Bahr“. Sebastian Liebram (FDP) ergänzte, dass weitere  Finanzierungslöcher in der Pflege über den Steuertopf gedeckt werden müssen.  Dr. Matthias Bartke (SPD) kritisierte den „Pflege-Bahr“, weil dieser zu Lasten der Geringverdiener ginge. Seine Partei will den Beitrag zur Pflegeversicherung um 0,5%  anheben, was rund 6 Mrd. Euro einbringen werde. Anja Hajduk (Bündnis 90/ Die Grünen) plädierte für die Einführung einer solidarischen Pflege-Bürgerversicherung anstelle der bisherigen Trennung von Sozialer und Privater Pflegeversicherung.

Parallel zum Anstieg der pflegedürftigen Menschen im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes (2011: 2,3 Mio. ; 2020: 3 Mio; 2050: 4,37 Mio.) „haben wir schon heute mit einem Fachkräftemangel in der Pflege zu kämpfen. Bis zum Jahr 2020 werden voraussichtlich 200.000 Pflegekräfte fehlen“, so Renate Gamp (DEVAP). Laut Dr. Matthias Bartke fordert die SPD die Mehreinstellung von 125.000 Pflegekräften in den nächsten vier Jahren. Die Pflege gehört zu den Berufen mit dem besten Image (mit 91% auf Platz 2, vor Richtern, Piloten, Ärzten)  laut einer Forsa-Umfrage von 2011. Auch von den anwesenden Beschäftigen in der diakonischen Altenpflege wurde positiv bemerkt, dass es keinen Beruf gebe, beim dem man Menschen so nahe kommt. Es wurde aber  auch berichtet von den hohen mentalen und körperlichen Herausforderungen des Berufs.

Wie kann es gelingen, so viele Menschen für den Pflegeberuf zu  gewinnen? Die Diakonie fordert, dass Pflegekräfte flächendeckend eine angemessene Vergütung, einen Tariflohn in der Pflege erhalten müssen. Diakonische Träger zahlen nach Tarif und werden dadurch im Preiswettbewerb benachteiligt. Die Politik muss die Weichen stellen für eine dauerhafte und vollständige Förderung von Umschulungsmaßnahmen in der Pflege, eine reformierte generalistische Pflegeausbildung und die gesetzlich geregelte Refinanzierung aller Ausbildungskosten.

Die hohe Teilnehmerzahl von  über 70 Fachkräften aus diakonischen Pflegeeinrichtungen in Hamburg machte deutlich, wie dringend der Handlungsbedarf ist. Viele Akteure der freien Wohlfahrtspflege waren ebenfalls bei  der Veranstaltung, die von Herbert Schalthoff (Hamburg 1) moderiert wurde.

Hintergrundinformationen und den Forderungskatalog der bundesweiten Diakonie-Kampagne "An die Pflege denken"  finden Sie hier .

Für inhaltliche Rückfragen steht Ihnen Frau Katrin Kell, Fachbereichsleiterin "Pflege und Senioren" im Diakonischen Werk Hamburg, unter 040 / 30 62 0-299 gern zur Verfügung.

 

 

Veröffentlicht am 8. August 2013