Diakonie Hamburg

Pressemeldung

1 Jahr AnDOCken – Ärztliche und Soziale Praxis für Menschen ohne Papiere

Lupe

1 Jahr AnDOCken – Ärztliche und Soziale Praxis für Menschen ohne Papiere

Jeder Mensch hat ein Grundrecht auf eine medizinische Versorgung

Das Diakonie-Hilfswerk Hamburg unterhält seit 2011 eine medizinische Anlaufstelle für Menschen ohne Papiere. Dank großzügiger Unterstützung durch das Hamburger Spendenparlament war es Anfang des Jahres 2013 möglich, eigene Praxisräume einzurichten.

Seit einem Jahr nun besteht „AnDOCken – Ärztliche und Soziale Praxis für Menschen ohne Papiere“ in der Bernstorffstraße 174. AnDOCken bietet Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus eine hausärztliche und gynäkologische Grundversorgung, verknüpft mit intensiver Sozial- und Rechtsberatung. Im ersten Jahr wurden in der Praxis 443 Patientinnen und Patienten von einer Gynäkologin, einer Fachärztin für Allgemeinmedizin, einer Sozialberaterin und einer Sprechstundenorganisatorin versorgt und beraten. Bei fast allen Patientinnen und Patienten sind psychosoziale Beeinträchtigungen zu beobachten; einige sind aufgrund von Flucht und Schleusung traumatisiert.

Viele Frauen und Männer vermeiden einen Arztbesuch so lange wie irgend möglich. „Nur die Notversorgung der Frauen, Männer und Kinder sicherzustellen, ist mittelfristig nicht genug“; so Dr. Tobias Woydack, Vorstand des Diakonie-Hilfswerks Hamburg. Woydack weiter: „Jeder Mensch hat ein Grundrecht auf eine integrale medizinische und psychologische Versorgung.“

Die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz stellt dem Projekt die Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe als Fachkraft zur Verfügung. 

Für Rückfragen und weitere Informationen steht Ihnen Frau Angela Bähr unter der Telefonnummer 040 30 62 0-219 oder 0151 46 15 63 39 zur Verfügung.

Hintergrund:

Im Jahr 2013 besuchten 443 Patientinnen und Patienten die Ärztliche und Soziale Praxis – jede Patientin besuchte die Praxis 5- bis 6-mal in Folge. 42 % der Patient/innen kamen aus (Ost-)Europa, 28 % aus Afrika, 21 % aus Lateinamerika und 9 % aus Asien. Die überwiegende Mehrheit (62 %) ist zwischen 18 und 40 Jahren alt, 6 % sind Kinder und Jugendliche. 72 % der Patient/innen sind weiblich, eine hohe Zahl der Frauen besuchen die Praxis zur Betreuung ihrer Schwangerschaft.

Die Anzahl von Patientinnen und Patienten, die die soziale Beratung in Anspruch genommen haben, hat sich im Vergleich zu 2012 verdreifacht. Viele der Ratsuchenden kommen aus Rumänien und Bulgarien, gefolgt von zahlreichen neuen Patienten vom afrikanischen Kontinent. Manche verfügen über einen Aufenthaltstitel entweder für Spanien oder Italien und kommen aufgrund der sich dort verschlechternden wirtschaftlichen Situation nach Deutschland.

 

Einige von ihnen sind nur in ihrem EU-Herkunftsland krankenversichert, andere verfügen über eine europäische Krankenversicherung, deren Gültigkeit ebenfalls begrenzt ist. Aufgabe der Sozialberatung in der Praxis ist es herauszufinden, ob und inwieweit ein Krankenversicherungsschutz in Deutschland besteht oder möglich wäre.

Aufgrund der vielen nationalen Rechtssysteme und uneinheitlichen Regelungen auf EU-Ebene ist diese Aufgabe langwierig und schwierig.

Zwei Fallbeispiele

 

Frau Upendo A.* (40 Jahre, Kenianerin), Mutter einer sechsjährigen Tochter, kommt am 11.04.2013 in die Praxis, weitergeleitet von Amnesty for Women. Sie wird von ihrer Tante als Dolmetscherin begleitet. Ihr Ehemann hatte sie vor kurzem verstoßen, sie lebt ohne Geld und Aufenthaltsstatus in Hamburg. Sie hatte bereits zwei Kinder durch Probleme kurz vor oder nach der Geburt bei früheren Schwangerschaften verloren. Sie ist erneut schwanger; die Untersuchung bestätigt sowohl die Schwangerschaft als auch deren Risiko aufgrund ihrer vorherigen Erfahrungen.
Sie erhält die notwendigen Medikamente und bekommt ihren Mutterpass. Die weitere externe medizinische Betreuung in einer Facharztpraxis wird organisiert sowie die Vorbereitung für die Aufnahme in eine Klinik koordiniert. Ende Juli 2013 entbindet Frau A. ein gesundes Mädchen. Im Rahmen der Sozialberatung wird die Übernahme der Geburtskosten erfolgreich geklärt und eine Lösung für einen legalen Aufenthaltsstatus gefunden. Inzwischen hat Frau A. mit ihren beiden Kindern eine eigene kleine Wohnung bezogen.

Amani P.*, ein 30-jähriger Afrikaner, stellt sich erstmalig im Juni 2013 vor. Er berichtet, seit ca. einem Jahr aufgrund eines Typ 1 Diabetes insulinpflichtig zu sein. Die Diagnose sei auf der italienischen Insel Lampedusa gestellt worden. Zum Zeitpunkt der Erstvorstellung ist er beschwerdefrei, möchte lediglich ein neues Rezept für Insulin. Die Laborergebnisse zeigen, dass der Blutzuckerwert bei 620 mg% liegt (nüchtern normal <120 mg%).
Herr P. wird kontaktiert und eine notfallmäßige Vorstellung im Krankenhaus organisiert. Ihm wird erklärt, in welches Krankenhaus er sich begeben soll und wie er dort hingelangt. Am Folgetag teilt das Krankenhaus - welches von AnDOCken über die Einweisung im Vorfeld unterrichtet worden war – mit, dass der Patient sich dort nicht vorgestellt habe.

Am Telefon erklärt Herr P., er sei bis zum Eingang des Krankenhauses gegangen und dann aus Angst umgekehrt. Durch Gespräche gelingt es, ihm seine Ängste zu nehmen. Sechs Tage später wird der Patient mit einem gut eingestellten Blutzucker aus dem Krankenhaus entlassen. Eine ambulante diabetologische Schwerpunktpraxis übernimmt die erbetene Diabetesschulung kostenlos. Insulin erhält der Patient aus den gespendeten Beständen von AnDOCken.

(*Name geändert)

Veröffentlicht am 18. März 2014