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"Olympia für alle": Diakonie fordert Kosten-Nutzen-Rechnung vor Referendum

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Die Diakonie Hamburg fordert, dass bei der Bewerbung der Hansestadt um die Olympischen Spiele auch die sozialen Folgen berücksichtigt werden. „Wir wollen dafür Sorge tragen, dass nicht die ohnehin Benachteiligten in dieser Stadt zu den Verlierern gehören werden“, sagte Landespastor Ahrens im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt.

Es sei wichtig zu untersuchen, „wie sich ein solches Großevent, das über Jahre Kräfte binden wird, auf Hartz-IV-Familien, Alleinerziehende, Rentner mit geringer Rente, Wohnungslose, Menschen mit Behinderung und Flüchtlinge auswirkt“. Der Senat und die ganze Stadt – so Ahrens – müssten endlich auch über die sozialen Auswirkungen der Olympischen Spiele diskutieren. Die Diakonie fordert, dass der Senat noch vor dem Referendum im November eine Kosten-Nutzen-Analyse vorlegt, die diese Fragen berücksichtigt.

Landespastor Dirk Ahrens: „Für die Diakonie stellt sich erst einmal nicht die Frage, ob wir für oder gegen Olympia sind. Es ist jedoch sehr wohl unsere sozialanwaltschaftliche Aufgabe, die Perspektive derer einzunehmen, die in unserer Stadt am Rande der Gesellschaft stehen. Dieser letztlich biblische Auftrag bestimmt auch unseren Blick auf die Olympiabewerbung.“

Die Position der Diakonie Hamburg zur Olympia-Bewerbung im Überblick

Welche Folgen hätten Olympische Spiele in Hamburg für Arbeitslose, Wohnungslose, Familien und Rentner mit geringem Einkommen, Flüchtlinge oder Menschen mit Behinderungen? Verstärken oder mildern Olympische Spiele in Hamburg die – ja nach wie vor wachsende – soziale Kluft zwischen Armen und Reichen, zwischen Integrierten und Ausgeschlossenen in unserer Stadt? Über diese Fragen wird nach Ansicht der Hamburger Diakonie noch viel zu wenig gesprochen.

Diakoniechef Landespastor Dirk Ahrens: „Auf die zentralen sozialen Fragen im Zusammenhang mit der Olympiabewerbung Hamburgs gibt es rund fünf Monate vor dem Referendum noch keine Antworten von Seiten der Politik. Nach unserer Kenntnis gibt es bisher keine Kosten-Nutzen-Analyse der Olympischen Spiele in Hamburg 2024, die prüft, welche Folgen ein solches Großprojekt in all seinen Konsequenzen für arme und benachteiligte Bevölkerungsgruppen hat. Damit sich die Hamburgerinnen und Hamburger am 29. November bewusst für oder gegen eine Olympiabewerbung entscheiden können, muss der Senat bereits vor dem Referendum eine realistische Perspektive aufzeigen, ob und wie es in Hamburg „Olympische Spiele für alle“ geben kann, die transparent, nachhaltig und sozial gerecht sind.“

Der Direktor des Hamburger Weltwirtschaftsinstitutes Henning Vöpel hatte Anfang des Jahres darauf hingewiesen, dass – selbst wenn Olympische Spiele insgesamt für Hamburg volkswirtschaftlich positive Effekte haben sollten – es trotzdem Gewinner und Verlierer geben werde. Dirk Ahrens: „Damit meinte er nicht die Sportler in den Stadien. Wir als Diakonie möchten nicht, dass die, die sowieso schon benachteiligt sind, Verlierer einer Olympiade in Hamburg werden.“

Die Hamburger Diakonie hat in diesem Zusammenhang vor allem Fragen zu drei sozialen Themenfeldern:

Wohnraum
Können Olympische Spiele einen Beitrag zur Bekämpfung der Wohnungsnot in Hamburg leisten oder verschärfen sie die Lage? Die Situation für vordringlich Wohnungssuchende und für Menschen, die aus vielerlei Gründen am Wohnungsmarkt benachteiligt sind, ist in Hamburg dramatisch: Aktuell sind 8.000 Menschen in Hamburg wohnungslos und benötigen dringend eine Wohnung. Die Vermittlung in Wohnraum nimmt seit Jahren kontinuierlich ab, zusätzlich zur Wohnungslosigkeit droht im Moment auch der Kollaps der öffentlich-rechtlichen Unterbringung von Wohnungslosen.

Will und kann der Senat es schaffen, trotz oder gerade wegen der enormen Kräfte, die für Olympia gebunden sein werden, bis zu den Spielen genügend Wohnraum für diese Menschen zur Verfügung zu stellen? Wem kommen die rund 6.000 Wohnungen, die extra für Olympia gebaut werden sollen, zugute? Allein um den kontinuierlichen Abbau von Sozialwohnungen bis 2024 wenigstens zu stoppen, braucht Hamburg mindestens 4.000 neue Sozialwohnungen pro Jahr und nicht wie jetzt geplant 2.000.

Für die Unterbringung während der Olympischen Spiele sind große Wohnanlangen geplant. Warum wird zum Beispiel für den Grassbrook nur der schon jetzt nicht ausreichende 1/3-Sozialwohnungen-Mix geplant? Kann Hamburg Olympia nutzen, damit es bis zu den Spielen und danach mehr bezahlbaren Wohnraum für Menschen mit geringem Einkommen gibt oder treibt Olympia – wie leider häufig in der Vergangenheit – die Mieten und Baukosten weiter in die Höhe?

Lohn und Arbeit
Wer wird an Olympia verdienen in der Metropolregion Hamburg? Wird zum Beispiel das Catering während der Olympischen Spiele nur an große Fast Food-Ketten vergeben? Oder kommen viele kleine regionale Betriebe zum Zuge, vielleicht sogar Sozialbetriebe – wie wir das, bei einem zugegebenermaßen etwas kleinerem Event, dem Kirchentag, seit Jahrzehnten erfolgreich praktizieren? Hat der Senat überhaupt Einfluss auf solche Entscheidungen?

Integration
Wie sozial und integrierend wird Hamburg während der Spiele sein: Haben Obdachlose noch einen Platz in der Innenstadt? Machen die Hinz&Kunzt-Verkäufer das Geschäft ihres Lebens oder werden sie aus Sicherheitsgründen vertrieben?

Wer hat während der Olympiade Zugang zu den Spielen? Dürfen den Usian Bolt von 2024 auch Kinder von Arbeitslosen und die Flüchtlinge sehen, die sich für Sport begeistern, aber kein Geld haben?

Veröffentlicht am 13. Juli 2015