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"Man kann in Hamburg von Hartz IV leben, aber nicht menschenwürdig"

Isa Schwan (links) ist pflegebedürftig und muss mit wenig Geld auskommen. Besuch und Unterstützung bekommt sie in ihrer Wilhelmsburger Wohnung von ihrer Freundin Gunda Krauss. Lupe Isa Schwan (links) ist pflegebedürftig und muss mit wenig Geld auskommen. Besuch und Unterstützung bekommt sie in ihrer Wilhelmsburger Wohnung von ihrer Freundin Gunda Krauss.

"Hartz IV bedeutet nicht Armut, sondern ist die Antwort unserer Solidargemeinschaft auf Armut". Diese Äußerung von Gesundheitsminister Jens Spahn am vergangenen Wochenende hat heftige Debatten über Regelsätze, soziale Gerechtigkeit und Chancenungleichheiten ausgelöst.

"Wer in Hamburg Hartz IV bezieht, ist bereits per definitionem arm", kontert dazu Dirk Hauer, Fachbereichsleiter Migration und Existenzsicherung der Diakonie Hamburg, und erklärt: "Die statistische Armutsrisikogrenze in Hamburg liegt bei 1.040 Euro für Alleinstehende; mit Hartz IV plus maximaler Mietkostenübernahme hat diese alleinstehende Person aber nur 897 Euro im Monat zum Leben." Damit fehle nicht nur das Geld für Materielles, sondern vor allem für die gesellschaftliche Teilhabe, so Dirk Hauer weiter: "Menschen, die SGB II-Leistungen bekommen, [...] finden kaum eine neue Wohnung, können sich HVV-Fahrkarten ebenso wenig leisten wie Zoo-, Theater- oder Kinobesuche, ja selbst Sport ist faktisch zu teuer. Es fehlt das Geld für Geschenke und Kindergeburtstage." Die Frage sei also nicht, ob man von Hartz IV leben könne, sondern wie man mit Hartz IV leben müsse.

Wie man mit Hartz IV leben muss, erzählte uns Isa Schwan für unsere Reportage im Diakonie Magazin. Sie wohnt in einer renovierungsbedürftigen Zweizimmerwohnung im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Zum Leben bleiben ihr 409 Euro im Monat. Der letzte Ausflug von Isa Schwan, bei dem es rausging aus Wilhelmsburg und nicht zum Arzt oder ins Krankenhaus liegt acht Jahre zurück. Mit einer Freundin hat sie damals den Tierpark Hagenbeck besucht - als das für die beiden noch gratis war.
Insbesondere Familien leiden unter der finanziellen Notlage, hält auch Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, fest: "Schon eine Bastelaktion in der Schule, bei der jeder etwas mitbringen soll, kann die Haushaltskasse überfordern. Nicht selten sind die Kinder an diesem Tag lieber krank."

Die materielle Mangelsituation, die die gesellschaftliche Teilhabe beschneidet, gehe darüberhinaus auch mit einem Mangel an Respekt und Wertschätzung einher, sagt Dirk Hauer. "Wer gewissermaßen von Amtswegen auf Kleiderkammern und Tafeln verwiesen wird, fühlt sich behandelt wie ein Mensch zweiter Klasse." Deshalb könne man leicht zugespitzt formulieren: "Hartz IV macht arm, krank, isoliert und stigmatisiert." Sein Fazit: "Ja, man kann in Hamburg von Hartz IV leben, aber nicht menschenwürdig."

Was also tun? Eine Erhöhung der Hartz IV-Regelsätze wäre ein Anfang, bestätigt Maria Loheide das Ergebnis eines von der Diakonie Deutschland in Auftrag gegebenen Gutachtens von 2016: "Die [Hartz IV-] Regelsätze sind zu niedrig und müssten [...] je nach Bedarfsgemeinschaft bis zu 150 Euro höher sein."

Veröffentlicht am 15. März 2018