Diakonie Hamburg
Dossier: Flüchtlinge in Hamburg: Herzlich willkommen!
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„Schon jetzt die Weichen für Integration stellen“

Lupe Dr. Dirk Hauer, Fachbereichsleiter Migration und Existenzsicherung

Dr. Dirk Hauer leitet den Fachbereich Migration und Existenzsicherung im Diakonischen Werk Hamburg. Er fordert, den in Hamburg ankommenden Flüchtlingen schnell und angemessen zu helfen und sofort mit der Planung ihrer Integration in den Stadtteilen zu beginnen. Dabei dürften jedoch die Hamburgerinnen und Hamburger, die schon länger hier leben und auf Hilfe angewiesen sind, nicht aus dem Blick geraten. Das sei nur zu schaffen, wenn die Stadt dem Hilfesystem insgesamt deutlich mehr Geld zur Verfügung stellt.

Herr Dr. Hauer, Monat für Monat kommen mehrere Tausend Flüchtlinge in Hamburg an. Was wird in dieser Situation vor allem gebraucht?
Dirk Hauer: Für diejenigen, die jetzt gerade ankommen, ist das Wichtigste, dass wir sie angemessen und menschenwürdig unterbringen können. Wir haben jedoch nach wie vor ein ungelöstes Problem bei der Erstaufnahme. Zumindest diejenigen Einrichtungen, die sich in Zelten befinden, in Turnhallen oder Baumärkten, sind nicht menschenwürdig. Das muss ich in aller Deutlichkeit so sagen. Wir sehen dort katastrophale hygienische Zustände und eine katastrophal dichte Belegung. Es gibt überhaupt keine Privatsphäre, das macht die Menschen aggressiv. Zudem ist die Beratung in diesen Unterkünften völlig ungenügend. Die Kolleginnen und Kollegen dort schaffen kaum mehr als Gesundheits- und Sozialberatung auf dem Niveau einer Verwaltung des Elends. Das haben Führungskräfte von ‚Fördern und Wohnen‘ im Oktober selbst in einem offenen Brief so beschrieben.

Was benötigen die Flüchtlinge, die in Hamburg bleiben?
Etwa die Hälfte der Flüchtlinge wird bleiben. Und in zwei Jahren spielt dann der Flüchtlingsstatus kaum noch eine Rolle. Das sind Menschen mit Migrationshintergrund, für die man das Leben in Hamburg möglich machen muss. Das ist schon rein quantitativ eine enorme Aufgabe für alle Systeme in dieser Stadt. Das heißt, wir müssen jetzt schon die Weichen für die Integration stellen. An diesem Punkt vermisse ich eine gewisse Besonnenheit bei den Entscheidungsträgern. Wir müssen heute bedenken und vorbereiten, was wir hier in den nächsten Jahren brauchen. Es wird zwar seit langem auf eine wachsende Stadt hin geplant, aber nicht auf eine, die so schnell wächst, wie wir das jetzt erleben – und die dabei auch an Diversität erheblich zunimmt. Wir brauchen ab sofort viel mehr sprachkompetente Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, insgesamt mehr kulturkompetente Fachkräfte in allen Bereichen des Hilfesystems! Was wir nicht brauchen, sind neue Sonder-Strukturen: keine Spezial-Kita für Flüchtlinge oder Spezial-Schule oder Spezial-Arbeitsgelegenheiten für Flüchtlinge! Wir benötigen zusätzliche Ressourcen für die neu Hinzugekommenen in den bestehenden Kitas und Schulen – und wir brauchen mehr Arbeitsplätze. Unser Leitgedanke bei all dem sollte Inklusion sein.

Wo genau liegen in der jetzigen Situation die Stärken der Diakonie?
Vor allem sorgen wir über unsere Bildungs- und Fortbildungsangebote für gut qualifizierte Haupt- und Ehrenamtliche. Wir machen das mit langer Erfahrung, das ist schon fast ein Alleinstellungsmerkmal der Diakonie. Dies schätzen auch sehr viele externe Teilnehmer unserer Angebote – übrigens auch aus der Verwaltung. Hinzu kommt: Wenn es unser Engagement in der Fortbildung der freiwilligen Helfer nicht gäbe, hätte die Stadt ein richtiges Problem! Schätzungsweise 3000 bis 5000 Freiwillige in den Projekten für Flüchtlinge kommen aus dem Kontext der Diakonie. Sehr wertvoll ist jetzt auch unser wirklich gut funktionierendes Netzwerk der Hauptamtlichen: Wir haben in der Diakonie-Familie in allen unseren Arbeitsfeldern sehr kompetente Kolleginnen und Kollegen, und wir bringen ihr Know-how bei diesem Querschnittsthema effizient zusammen. Das hat einen hohen Wert – nicht nur intern. Wir sind so eine Art One-Stop-Shop: Wer zu uns kommt, bekommt alles aus einer Hand. Hier können wir Synergieeffekte innerhalb von Diakonie und Kirche nutzen.

Es gibt viele Helfer und viele Initiativen für Flüchtlinge in Hamburg - Wer hat da eigentlich den Überblick?
Angesichts der unglaublichen Dynamik ist dies eine große Aufgabe für die Stadt – und für uns auch. Deshalb haben wir zusammen mit allen kirchlich-diakonischen Akteuren, wie den Kirchenkreisen Hamburg-West/Südholstein und Hamburg-Ost im letzten halben Jahr viel dafür getan, einen guten Informationsfluss zwischen allen Einrichtungen der kirchlich-diakonischen Arbeit und darüber hinaus herzustellen. Davon profitieren wir nicht nur selbst, sondern machen die Informationen auch allgemein zugänglich, zum Beispiel über unsere interaktive Karte, die Projekte und Freiwillige zusammenbringt. Sicher hören wir nicht von jeder Initiative, die in der Stadt startet, aber wir bekommen doch ziemlich viel mit! Meiner Meinung nach hat die Stadt hier ein größeres Problem. Wir erleben, dass Behörden und einzelne Ämter nicht unbedingt immer abgestimmt handeln. Und erst im Oktober wurde ein Koordinator ernannt.

Die Diakonie hilft schon in vielen Bereichen, werden noch neue Projekte hinzukommen?
Ja, es gibt sehr viele diakonische Träger, die gerade neue Projekte für Flüchtlinge vorbereiten. Und damit meine ich jetzt nicht die Träger, die ohnehin schon mit Migration zu tun haben, sondern Einrichtungen aus der Kinder- und Jugendhilfe oder aus der Pflege. Um ein Beispiel von vielen zu nennen: Bei der Stiftung Alten Eichen wird konkret überlegt, eine Wohngruppe für minderjährige unbegleitete Jugendliche einzurichten. Ein weiteres Beispiel ist die medizinische Unterstützung von Flüchtlingen in der Zentralen Erstaufnahme etwa durch die Einrichtungen der Albertinen-Stiftung. Das bedeutet für uns als Landesverband, dass wir eine neue Art von Anfragen erhalten, die wir oft nur fachbereichsübergreifend beantworten können. Das gelingt schon recht gut. Und übt, in verschiedene Richtungen zu denken. Flüchtlinge sind für uns nicht nur Zielgruppen mit Hilfebedarf, sondern zukünftig auch potenzielle Fachkräfte, insbesondere im Pflegebereich. Wir arbeiten aktuell an Angeboten, die fachlich kompetente Flüchtlinge und interessierte Einrichtungen zusammenbringen.


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