Unterwegs für Obdachlose: Seit 25 Jahren an Bord des Mitternachtsbusses | Diakonisches Werk Hamburg
Diakonie Hamburg
Wohnungslosigkeit
<< Zurück zur Übersicht

News

Unterwegs für Obdachlose: Seit 25 Jahren an Bord des Mitternachtsbusses

Lupe Zum 25-jährigen Jubiläum gibt's Geschenke: die Ehrenamtliche Ellen Zander (r.) bei der Essensausgabe am Mitternachtsbus (Foto: Lutz Bergmann / Diakonie)

Als der lila glänzende Mitternachtsbus der Diakonie vorfährt, stehen circa 30 obdachlose Menschen in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofes. Sonja, Horst und Ellen steigen aus und bauen einen Klapptisch vor der Schiebetür auf. Auf die glitzernde Tischplatte stellt Sonja eine Vase mit einer gelben Blume. Sie erklärt den Wartenden, dass es heute etwas zu feiern gebe: Der Mitternachtsbus hat 25-jähriges Jubiläum. „Herzlichen Glückwunsch“, kommt von einigen zurück. Sie stellen sich in einer Reihe vor dem Tisch auf, Ellen und Sonja reichen ihnen Lebensmitteltüten mit Stullen und Snacks. Zur Feier des Tages gibt es Frikadellen mit Kartoffelsalat. In den Augen einiger Busgäste ist ein Leuchten zu sehen. 

Seit 25 Jahren gibt es nun den Mitternachtsbus in Hamburg. 365 Nächte im Jahr ist er unterwegs, mittlerweile unterstützen 140 Ehrenamtliche das Projekt. Die freiwilligen Helferinnen und Helfer vermitteln Schlafplätze, versorgen die Menschen auf der Straße mit belegten Brötchen, Tee, Isomatten und Schlafsäcken. Vor allem aber schenken sie den Obdachlosen Gehör und Aufmerksamkeit - diese Anteilnahme ist oft viel wichtiger als die materielle Versorgung.

Eine der 140 Freiwilligen ist Ellen. Sie ist mit 25 Jahren die Dienstälteste unter den Ehrenamtlern. „Es ging damals viel mehr um illegale Drogen“, sagt sie. Besonders erinnern kann sie sich noch an einen Jungen, der seine Drogenabhängigkeit mit einem Taschengeld von 300 D-Mark finanzierte. Und an ein Mädchen, das sich in einen Drogendealer verliebte und daraufhin von zuhause verschwand. „Ich habe mir damals viele Gedanken gemacht und fand’s sehr traurig, dass die Kinder in diese Richtung tendierten“, sagt sie.

Bald schon half Ellen auch abseits der Mitternachtsbus-Touren den Menschen auf der Straße. Zum Beispiel dem obdachlosen Günther, der in der Regel am Michel lag. In einem besonders kalten Winter wäre er dort fast erfroren. Das Team vom Mitternachtsbus sorgte dann dafür, dass er ins Krankenhaus kam. Dort besuchte ihn Ellen mehrmals und hörte sich seine Geschichten an. „Er hat mich ganz traurig und hilflos angeschaut“, erinnert sie sich. Du lässt mich aber nicht alleine, habe er gesagt. Für Ellen war dann klar, dass sie sich um den Mann kümmern müsse. Sie besorgte Günther eine Wohnung, Papiere, beantwortete die Schreiben der Inkassobüros und sorgte dafür, dass er ein pfändungssicheres Konto bekam. „Als er sich das erste Mal selbst Geld aus dem Automaten zog, da wusste ich, dass er jetzt allein zurechtkommt“, berichtet sie.  

Mit ihrer Hilfsbereitschaft erarbeitete sich Ellen einen guten Ruf. Sie besorgte für die Obdachlosen Kleidung und sprach Probleme zum Beispiel mit den Vormündern an. Dabei verfolgte sie stets das Motto: „Alles guten Dinge sind drei und dann ist Schluss“. Gemeint ist damit, dass Obdachlose, die dreimal nicht zum verabredeten Treffpunkt gekommen waren, keine weitere Chance erhielten. Auch in ihrem Team ist die heutige Rentnerin anerkannt und kann ihre Erfahrungen an Jüngere weitergeben. „Wenn ihr Probleme habt, geht zu Ellen“ – dieser geflügelte Satz gilt unter den Busgästen genauso wie im Team.

Das gute Standing hat sich Ellen bis heute bewahrt. Und so gibt es für sie auch noch keinen Anlass, ihr Ehrenamt niederzulegen. Es mache ihr immer noch Spaß, mit dem Mitternachtsbus mitzufahren, sagt Ellen. Hoffentlich bleibt das noch lange so.

Autor: Lutz Bergmann

 

Hintergrund
Im November 1996 wurde der Mitternachtsbus vom damaligen Landespastor Dr. Stephan Reimers und Mitgliedern des Hamburger Spendenparlaments gegründet, um Menschen vor dem Erfrieren zu schützen. Jede Nacht fahren Teams von Ehrenamtlichen zu etwa 30 Haltepunkten in der Stadt und bringen heiße Getränke, Backwaren, Decken, Isomatten, Schlafsäcke und Kleiderspenden zu Hamburgs obdachlosen Menschen. Bei Bedarf vermitteln die Ehrenamtlichen die Ratsuchenden weiter zu Beratungsangeboten wie dem Diakonie-Zentrum für Wohnungslose in Eimsbüttel.

Im Jubiläumsjahr konnte dank Spenden ein neuer E-Bus angeschafft werden, der jährlich 3000 kg CO2 einspart.

Der Mitternachtsbus finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Spendenkonto: DE76 200 505 50 1230 1432 55 | Stichwort: Mitternachtsbus/Obdachlosenhilfe

Veröffentlicht am 29. November 2021