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Netzwerktreffen in Hamburg

Inspiration über Grenzen hinweg

Lupe Die Frauen des Frauennetzwerks St. Petersburg mit Bischöfin Fehrs. Foto: Bischofskanzlei

Frauen vom Frauenclub St. Petersburg trafen sich Mitte September im Rahmen einer vom Diakonischen Werk Hamburg organisierten Fachreise mit Hamburger Vertreterinnen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und dem sozialen Bereich. Ein Austausch, der beide Seiten bereicherte und für neue Inspiration und Ideen sorgte.

Fünf Frauen, darunter drei Vertreterinnen von NGOs, die aus persönlichen Gründen nicht namentlich genannt werden möchten, außerdem die Büroleiterin des Ombudsmannes für Menschenrechtsfragen von St. Petersburg, Olga Shtannikova, und die Politikerin Nadezhda Tikhonova, die seit 2016 als Abgeordnete der sozialdemokratischen Partei Gerechtes Russland in der Gesetzgebenden Versammlung von St. Petersburg sitzt. Sie alle waren knapp eine Woche lang mit Vertreterinnen der Diakonie in Hamburg unterwegs und tauschten sich auch im Rahmen der Städtepartnerschaft aus: unter anderem mit Bischöfin Kirsten Fehrs, Staatssekretärin Annette Tabbara, Frauenhaus-Leiterin Stephanie Leich und Vertreterinnen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Gab es etwas, was Sie am meisten beeindruckt hat?

Vertreterin einer NGO: Am meisten beeindruckt hat mich der Landesfrauenrat in Hamburg. Das ist genau das Modell, das wir gerne in St. Petersburg anwenden würden: Frauenfragen auf verschiedenen Ebenen zu besprechen und dabei alle Dienste und Organisationen so gut zu koordinieren. Das zweite war die Diskussion und Präsentation des Frauenhauses der Diakonie.

Weil es so etwas bei Ihnen nicht gibt?

Vertreterin einer NGO: Bei uns gibt es ein Krisenzentrum, das inzwischen staatlich ist. Und wir haben Sozialwohnungen. Aber die Aufnahme ist nicht so leicht wie in Deutschland, denn die Entscheidung, ob eine Frau aufgenommen werden kann, trifft nicht das Krisenzentrum sondern eine Kommission auf der Ebene der Stadt. Voraussetzung sind ziemlich viele Unterlagen, dazu gehören ein ärztlicher Befund über körperliche Verletzungen und möglichst auch eine Anzeige bei der Polizei. Wenn die Frau dann in eine Sozialwohnung zieht, darf sie das nur alleine. Die Kinder müssen in eine gesonderte Einrichtung, die nur für Kinder zuständig ist.

Die Frau steht vor der Entscheidung: bleiben oder ohne ihre Kinder gehen? Warum?

Vertreterin einer NGO: Es entspricht nicht den Wohnnormen der meisten Sozialwohnungen.

Nadezhda Tikhonova: Wir sehen es als akutes Problem, dass uns in Russland Frauenhäuser fehlen. Eine Frau, die geschlagen wird, verlässt in Panik das Haus und hat gar keine Möglichkeit, noch irgendwelche Unterlagen zu beantragen. In Russland hat man ja auch kein Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt. Die Frauenorganisationen kämpfen seit zehn Jahren um die Verabschiedung dieses Gesetzes.

Welche frauenpolitischen Themen stehen außerdem noch auf Ihrer Agenda?

Nadezhda Tikhonova: Die Förderung von Frauen in der Politik und in der Wirtschaft, Gleichstellung von Frauen, Frauenrechte…

Wie sieht es denn mit der Gleichstellung der Frau in Russland aus?

Nadezhda Tikhonova: Ziemlich kompliziert, denn der Staat ist gar nicht daran interessiert, dass die Frau die Karriereleiter besteigt, aber die Frauen haben trotzdem Erfolg. Trotzdem – denn sie haben wirklich keinen Anlass, den Strukturen dankbar zu sein. Sie müssen sehr viele Hindernisse überwinden und auch noch Widerstand von der Seite der Familie, der Mitarbeiter. Der Trend, dass Frau erfolgreich wird im Beruf, ist nicht populär. Natürlich haben wir heute auch staatliche Kitas und staatliche Kindergärten, aber leider entwickelt sich die soziale Infrastruktur sehr, sehr langsam. Besonders problematisch sieht es bei der Betreuung für Kinder unter drei Jahren aus. Und wir haben keine Mittel, um private Kindergärten zu fördern. Das führt dazu, dass die Mutter zuhause bleibt, bis das Kind drei Jahre alt wird.
Vertreterin einer NGO: In Russland und auch speziell in St. Petersburg konzentriert sich heute die Politik vor allem auf die demografische Frage, also die Steigerung der Geburtenrate. Das heißt, eine Frau soll früh heiraten und Kinder bekommen, nur dann bekommen sie auch eine zusätzliche Förderung. Das betrifft alle sozialen Schichten – aber längst nicht alle Frauen entsprechen diesem Frauenbild. Es gibt durchaus viele junge Frauen, die sich für eine Karriere entscheiden und sich eine gleichberechtigte Ehe wünschen. Doch der Staat stellt die Frau zunehmend traditionell dar, als Teil einer patriarchalischen Familie: ein Mann, der die Familie ernährt, und eine Frau, die sich um die Kinder kümmert. Das hat sich verschoben …

… und war in Sowjetzeiten nicht so.

Olga Shtannikova: Nein. Mein Sohn ist heute 32 – und natürlich war er in der Kita. Damals stand alles zur Verfügung: Kitas, Kindergärten, Schule ...

Vertreterin einer NGO: … das alte sowjetische System hatte viele Nachteile, aber was das soziale System angeht, war es ein Vorbild für viele Länder. Meine Mutter zum Beispiel hatte gar keine Probleme einen Platz für mich in einer Kita zu finden. Sie konnte berufstätig sein und Karriere machen. Der Staat hat die Frauen unterstützt, damit sie auch mit Kindern weiter studieren und beruflich tätig sein konnten. Zu jener Zeit sah es im restlichen Europa anders aus. Und womöglich sind die Frauen in Russland auch deshalb heute noch etwas freier in ihrem Denken.

Sie tauschen sich nicht nur in Deutschland aus, sondern haben ein Netzwerk über viele andere europäische Länder. Wie funktioniert so eine Netzwerkarbeit?

Vertreterin einer NGO: Wir waren zum Beispiel in nördlichen Ländern und haben uns mit der Frage der Sozialhilfe für schwangere Frauen und für Frauen mit kleinen Kindern beschäftigt. Damals hatten wir bei uns im Land das Problem, dass eine Frau das Betreuungsgeld über den Arbeitgeber erhielt. Als wir erfahren haben, dass es in Schweden direkt aus dem sozialen Fond funktioniert, konnten wir das in Russland auch durchsetzen und so die Situation verändern.

Also finden Sie neue Ideen und neue Wege?

Olga Shtannikova: Das genau ist das Ziel unseres Austausches. Es ist wichtig, dass man etwas Neues sieht und dieses Neue dann auch bei sich zuhause anwendet. Natürlich haben wir andere Gesetze, aber wir schauen genau hin, wie es hier funktioniert und überlegen, wie wir das bei uns anpassen könnten.

Gab es bei Ihrem Besuch in Hamburg etwas, das Sie überrascht hat?

Vertreterin einer NGO: Was mich überrascht hat, sind die hohen Positionen der Frauen in der Kirche. Außerdem fand ich sehr positiv, dass Frauen in Deutschland auf allen Ebenen vertreten sind. Und ich fand das Treffen mit einem Netzwerk von Mentorinnen und wie es funktioniert sehr beeindruckend. Solche Netzwerke brauchen wir auch.

Haben Sie Vorbilder? Gibt es Frauen, die Sie inspirieren?

Vertreterin einer NGO: Da würde ich Margarete Freiherrin von der Borch nennen. Ich habe diese Frau 1995 kennengelernt. Eine große Persönlichkeit, leider ist sie vor einigen Monaten verstorben. Sie hat Ende der Neunzigerjahre „Perspektiven“ gegründet, eine Organisation, die behinderten Kindern und Erwachsenen in St. Petersburg hilft.

Nadezhda Tikhonova: Mein Frauenvorbild ist Natalija Bechtereva, eine Neurophysikerin, die in Russland viel im Bereich der Gehirnforschung erreicht hat. Ich habe eine Initiative in der gesetzgebenden Versammlung St. Petersburg vorgeschlagen, dass wir in Gedenken an sie einen Natalija-Bechtereva-Preis für Forscherinnen ins Leben rufen. Das wäre ein Zeichen dafür, dass die Frau auf keinen Fall ihren Beruf und ihre wissenschaftliche Karriere aufgeben sollte.

Was hat Sie in Hamburg am meisten beeindruckt?

Nadezhda Tikhonova: Ein Gottesdienst in der St. Katharinenkirche. Mich hat die Kirche sehr beeindruckt. Und unser Weg dahin – zwischen diesen roten Backsteinbrücken und Speichergebäuden. Und die Musik war wunderschön.

Olga Shtannikova: Und mich hat beeindruckt, wie herzlich wir von unseren deutschen Kolleginnen empfangen wurden.

 

Text: Tanja Breukelchen