Diakonie Hamburg

FAQ – häufige Fragen zu Tafeln

Die Fragen

 

Die Antworten

Was sind Tafeln?

Die Grundidee der Tafeln ist es, dass Lebensmittel, die noch gegessen werden können, nicht in den Müll wandern, sondern an Menschen gehen, die sie brauchen können. Freiwillige Helferinnen und Helfer holen die Lebensmittel bei Spendern ab und verteilen sie an Bedürftige. Die meisten dieser Einrichtungen sind im Bundesverband der Deutschen Tafeln organisiert, der acht Grundsätze verabschiedet hat, auf die sich die Mitglieder verpflichten. Die Arbeit der Tafeln beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf die Umverteilung unverkäuflicher Lebensmittel. Beim Discounter Lidl, in Toom-Märkten und zum Teil bei Edeka und Kaiser’s Tengelmann kann man seit 2008 das Flaschenpfand für die Tafeln spenden. Rewe unterstützt die Tafeln regelmäßig mit Aktionen: Kunden können vorgepackte Lebensmittel-Tüten kaufen, die dann an die Tafeln gehen. Der Bundesverband der Tafeln betreibt spezielle Fonds zur Förderung von Kindern und älteren Menschen. Darüber hinaus gibt es Tafel-Kochbücher und Tafel-Kochkurse. Neben Tafeln zur Verteilung von Lebensmitteln gibt es mittlerweile auch Medikamenten-Tafeln und Tafeln für Tiernahrung.

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Seit wann gibt es Tafeln?

Tafeln gibt es in Deutschland schon seit 20 Jahren. 1993 ist in Berlin die erste Tafel in Deutschland gegründet worden. In Hamburg folgte im Herbst 1994 die Hamburger Tafel als dritte Tafel in Deutschland.

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Welche Tafeln gibt es in Hamburg?

Allein im Bereich von Kirchengemeinden und diakonischen Trägern gibt es in Hamburg drei Tafeln mit 22 Ausgabestellen. Die Tafeln sind die Hamburger Tafel, die Bergedorfer Tafel und die Wilhelmsburger Tafel. Die Hamburger Tafel selbst gibt keine Lebensmittel an Menschen aus, sondern verteilt die Lebensmittel an verschiedene soziale Einrichtungen oder Kirchengemeinden. Diese Stellen geben die Lebensmittel an Menschen weiter oder verarbeiten die Lebensmittel zu Essen. Diese Ausgabestellen und Tafeln werden wöchentlich von ca. 12.000 Haushalten genutzt. Bei der Lebensmittelausgabe helfen ca. 600 freiwillig Engagierte mit. In diakonischen Einrichtungen werden ca. 500 Personen pro Woche mit Lebensmitteln der Tafeln versorgt.

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Wer macht bei Tafeln mit?

Die Arbeit der Tafeln beruht nicht mehr nur auf freiwilligem Engagement. Freiwillig Engagierte leisten zwar den größten Teil der Tafelarbeit, auch im organisierten und finanzierten Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes. Tafeln haben aber in unterschiedlichen Umfang Personal angestellt und nutzen auch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen wie z.B. Arbeitsgelegenheiten. Die logistische Ausstattung der Tafeln, etwa mit Fahrzeugen oder Kühleinrichtungen, wird in der Regel von Sponsoren und Spendern aufgebracht. Die Miete für Lagerräume werden aus Eigenmitteln der Tafeln gezahlt oder von Dritten – z.B. Kirchengemeinden und Sozialeinrichtungen – zur Verfügung gestellt.

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Wer unterstützt die Tafeln?

Die Hauptsponsoren der Tafeln in Deutschland sind die Metro-Group, Lidl, Rewe und Mercedes-Benz. Weitere Sponsoren finden Sie hier.  Es sind nicht nur Lebensmittelkonzerne, die die Tafeln unterstützen. Die Unternehmensberatung McKinsey hat seit Mitte der 1990er Jahre die Tafeln, insbesondere deren Bundesverband, bei der Organisationsentwicklung beraten . Die Tafeln nehmen auch Geldspenden ein und kaufen davon Lebensmittel. Im Jahr 2012 kamen allein 1,5 Millionen Euro aus den Erlösen des Lidl-Pfandspendenprojektes. Die Bundesfamilienministerin ist offizielle Schirmherrin der Deutschen Tafel. Praktisch werden die Tafeln und Lebensmittelausgabestellen vor Ort auch von Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, freien Trägern und sozialen Initiativen unterstützt.

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Wer nutzt die Tafeln?

Die Tafeln und Lebensmittelausgaben werden von Menschen genutzt, deren finanzielle Möglichkeiten sehr beschränkt sind. Es sind vorwiegend Menschen, die auf staatliche Sozialleistungen zur Sicherung des soziokulturellen Existenzminimums angewiesen sind. Im Regelsatz der Grundsicherung für Arbeitssuchende („Hartz IV“, Stand 2013) und in der Sozialhilfe sind für einen Erwachsenen im Monat 135,63 € für Essen und Trinken vorgesehen. Für Kinder sind es je nach Alter 83,24 € (unter 6 Jahren), 102,45 € (6-13 Jahre) oder 130,99 € (14-17 Jahre). Wenn die 4,46 € pro Tag für einen Erwachsenen nicht reichen, sind die Tafeln ein Ausweg. Außerdem bieten sie die Möglichkeit, an Lebensmitteln zu sparen, um so Geld zurückzulegen für besondere Ausgaben, die bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Erstausstattung für eine Wohnung oder nach der Geburt eines Kindes) aus dem Regelsatz bestritten werden müssen. Die wissenschaftliche Forschung geht inzwischen davon aus, dass die Tafeln von ca. zehn Prozent der Armutsbevölkerung genutzt werden.

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Wird die Bedürftigkeit der Menschen geprüft?

Ja, in den meisten Fällen. Der Bundesverband der Tafeln empfiehlt in seinen Grundsätzen allen Tafeln, von ihren Nutzerinnen und Nutzern einen Nachweis über derenBedürftigkeit zu verlangen. In der Praxis dienen häufig die Bescheide über den Bezug von Sozialhilfe, von Grundsicherung für Arbeitssuchende („Hartz IV“) oder – bei entsprechend niedriger Rente – der Rentenbescheid als Nachweis. Vom Grundgedanken des Tafelprinzips her, der Verteilung von Lebensmitteln an Stelle ihrer Vernichtung als Müll, sind Bedürftigkeitsprüfungen aber nicht zwingend.

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Schämen sich die Menschen, die zur Tafel gehen?

Menschen, die Tafeln nutzen, tun dies aufgrund ihrer finanziellen Notlage. Der Schritt zur Tafel wird als sozialer Abstieg erfahren, als Ausdruck dafür, dass man „fast ganz unten“ oder „ganz unten“ in der Gesellschaft steht. Die Erfahrung, seinen Lebensunterhalt mit den freiwilligen Gaben anderer aufzubessern und darauf angewiesen zu sein, löst Schamgefühle aus. Bei der Lebensmittelausgabe selbst kann es dazu kommen, dass Menschen sich schämen – etwa weil sie glauben, von Ihnen werde Dankbarkeit erwartet, weil sie ihre Bedürftigkeit belegen oder weil sie in der Öffentlichkeit Schlange stehen müssen. Die Nutzung der Tafel unterscheidet sich auch von den gängigen Mustern des Kaufs von Lebensmitteln. Man kann nicht einfach kaufen, worauf man Lust hat, sondern muss das nehmen, was die Spender an Lebensmitteln zur Verfügung stellen.

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Was sagen Politiker zu den Tafeln?

Die meisten politischen Entscheidungsträger begrüßen das Engagement der Tafeln. Es besteht die Gefahr, dass das Engagement politisch instrumentalisiert wird. Denn Tafeln, Lebensmittelausgabestellen und Suppenküchen sind absolut freiwillige und ergänzende Angebote nichtstaatlicher Initiativen. Manche staatliche Stellen und politische Entscheidungsträger halten dieses Freiwilligenengagement für einplanbar. Sie glauben, dauerhaft mit dem freiwilligen Angebot im doppelten Sinne des Wortes rechnen zu können. Sie betrachten Tafeln und Lebensmittelausgabestellen als normale Anlaufstellen zur sozialen Bedarfsdeckung bei Notlagen. Diese Sichtweise wird dem Charakter solcher Angebote nicht gerecht, sondern instrumentalisiert sie. Die Verstrickung in staatliche und politische Interessen kann auch darin bestehen, dass man vom Staat Vergünstigungen für die Tafelarbeit fordert oder annimmt. Es besteht immer die Gefahr, dass staatliche Stellen die freiwillige Wohltätigkeit als Ersatz für eigene Aufgaben nutzt.

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Dürfen staatliche Stellen wie z.B. Jobcenter auf Tafeln verweisen?

Nein. Solche Verweise staatlicher Stellen auf freiwillige Angebote sind rechts- und verfassungswidrig. Das hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zur Bedarfsbemessung der Regelsätze vom 9. Februar 2010 festgestellt: “Ein Hilfebedürftiger darf nicht auf freiwillige Leistungen des Staates oder Dritter verwiesen werden, deren Erbringung nicht durch ein subjektives Recht des Hilfebedürftigen gewährleistet ist.“ (Rdnr. 136) Dennoch gibt es inzwischen auch in Hamburg die Erfahrung, dass staatliche Stellen wie die Jobcenter, die für die Auszahlung von Grundsicherungsleistungen wie ALG II und Sozialgeld zuständig sind, auf Tafeln verweisen. So wurden Menschen, denen Geldleistungen gekürzt worden waren, zu Lebensmittelausgaben geschickt, statt ihnen – wie gesetzlich vorgeschrieben – Lebensmittelgutscheine auszuhändigen. Es ist auch vorgekommen, dass Menschen die Antragsannahme pauschal mit der Aussage verweigert wurde, sie hätten keine Ansprüche und sie könnten ja stattdessen Lebensmittelausgabestellen oder Kleiderkammern nutzen.

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Sind Tafeln nicht ein positiver Ausdruck einer engagierten Zivilgesellschaft?

Das sind sie. Die freiwillig Mitarbeitenden ermöglichen es, dass Menschen auf die Unterstützung von Tafeln zurückgreifen können. Einen entscheidenden Beitrag leisten auch die, die nicht mehr verkäufliche Lebensmittel spenden. Sie haben verschiedene Motive für ihr Engagement und sie werden vor dem Hintergrund unterschiedlicher sozialer und biografischer Erfahrungen tätig. Die Haltung „Ich will helfen!“ verdient uneingeschränkte Würdigung. Das Engagement ist ein Zeichen dafür, dass Menschen die Notlage von Armen unmittelbar lindern wollen. Sie sehen sich durch die Gleichzeitigkeit von überschüssigen Lebensmitteln und Menschen in materieller Not herausgefordert. Sowohl die freiwillig Mitarbeitenden als auch die Spender von Lebensmitteln ziehen aus dem Engagement einen Nutzen. Zu diesem Nutzen gehört soziale Anerkennung genauso wie die Einsparung von Entsorgungskosten und steuerliche Vergünstigungen. Das große Lob der Herstellung einer Landschaft sozialer Nothilfen durch eine aktive Bürgergesellschaft ist sozialpolitisch und sozialethisch jedoch falsch. Diese in Medienberichten und Selbstdarstellungen von Tafeln dominierende Sichtweise verliert den eigentlichen Skandal aus den Augen: Armut und unzulängliche staatliche Sozialleistungen. Unserer Gesellschaft fehlt es nicht an Barmherzigkeit und freiwilligem Bürgerengagement, sondern an sozialer Gerechtigkeit in der politischen Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

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Bekämpfen Tafeln Armut?

Nein, sie können allenfalls Armut lindern. Die Menschen, die Tafeln nutzen, haben dafür viele Gründe: Der Monat hat noch etliche Tage und das Budget für den Lebensunterhalt ist verbraucht. Die Tafeln ermöglichen Einsparungen bei den Ausgaben für die Ernährung. Das ersparte Geld steht für andere Ausgaben für sich selbst oder die Kinder zur Verfügung. Tafeln sind keine adäquate Antwort auf die materielle Armut in unserer Gesellschaft. Sozialpolitisch genügt diese Praxis der Barmherzigkeit zum einen nicht dem Verständnis eines Sozialstaats, dessen Bürgerinnen und Bürger allgemein gültige und nachprüfbare soziale Rechtsansprüche haben. Zum anderen leistet die Praxis keinen Beitrag zu einer verlässlichen und nachhaltigen Verbesserung der Lebenslage.

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Sollen Tafeln mit sozialen Beratungsangeboten und politischer Einmischung verbunden sein?

Die Praxis der Umverteilung von Lebensmitteln allein verbleibt auf der Ebene der Nothilfe. Nothilfe und Wohltätigkeit können keine soziale Gerechtigkeit herstellen. Auf dieses beschränkte Verständnis trifft die Aussage Pestalozzis zu „Wohltätigkeit ist das Ersaufen des rechts im Mistloch der Gnade“. Nutzerinnen und Nutzer der Tafeln sollten auf kompetente soziale Beratungsangebote hingewiesen werden, die sie bei der Überprüfung und Durchsetzung von Sozialleistungsansprüchen unterstützen. Dies kann durch Verteilung von Informationsblättern über Beratungsangebote in der Nähe geschehen oder dadurch, dass es zu Zeiten der Lebensmittelausgabe auch eine Beratung vor Ort gibt. Neben der Aufklärung über eventuelle Sozialleistungsansprüche ist es auch wünschenswert, dass sich Tafeln und Institutionen, die Lebensmittel verteilen oder für Suppenküchen nutzen, politisch in die gesellschaftliche Debatte über Armut, ihre Ursachen und ihre Bekämpfung einbringen. Die Herstellung sozialer Gerechtigkeit ist eine politische Aufgabe. Die Praxis der Tafeln ist unabhängig von der Einschätzung der Beteiligten ein politischer Akt, der nicht erst durch die Schirmherrschaft der Bundesfamilienministerin für die Deutschen Tafeln oder die rechtlich unzulässigen Verweise von Jobcentern auf Tafeln zu einem solchen wird. Es ist erfreulich, dass der Bundesverband der Tafeln in jüngster Zeit öffentlich auch sozialpolitisch Stellung bezieht, z.B. zur unzulänglichen Höhe der Grundsicherungsleistungen oder zu den Mängeln staatlicher Armutsbekämpfung.

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Diakonisches Werk Hamburg, November 2013
Wolfgang Völker
Referat Arbeitslosigkeit und Existenzsicherung
voelker@diakonie-hamburg.de