Diakonie Hamburg

Daten, Fakten und Fragen zur Armut in Hamburg

Armutsgefährdungsschwelle  (60% des durchschnittlichen bedarfsgewichteten Nettoeinkommens)
Die Armutsgefährdungsschwelle für einen Ein-Personen-Haushalt lag 2016 in Hamburg bei 1040 €, bei Haushalten mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern bei 2184 €.

Armutsgefährdungsquote
Die Quote gibt prozentual an, wie viele Haushalte sich unter der Armutsgefährdungsschwelle befinden. Dabei kann man sich sowohl auf die Einkommensverhältnisse im Bundesland Hamburg beziehen (Landesmedian) oder die Einkommensverteilung in ganz Deutschland betrachten (Bundesmedian). Gemessen am Landesmedian ist sie von 17,4 % im Jahr 2005 auf 18,3 % im Jahr 2016 gestiegen, gemessen am Bundesmedian von 15,7, % im Jahr 2005 auf 14,9 % im Jahr 2016.
Das verdeutlicht:
Soziale Ungleichheit hält sich hartnäckig. Eine genauere Betrachtung der Armutsdaten zeigt, dass einzelne Gruppen besonders betroffen sind. Unter 18-Jährige sind besonders armutsgefährdet. Bei ihnen liegt die Armutsgefährdungsquote 2005 in Hamburg bei 25,9 % und 2016 bei 26,9 % (gemessen am Landesmedian) bzw. bei 23,2% im Jahr 2005 und 22,5 % im Jahr 2016 (gemessen am Bundesmedian)

Armut von Kindern ist die Armut ihrer Eltern.
Die Armutsgefährdungsquote von Alleinerziehenden in Hamburg entwickelt sich im Zeitraum von 2005 bis 2015 von 38,6 % auf 46,8 % im Jahr 2016 (Landesmedian). Bezogen auf den Bundesmedian steigt sie von 34,1 % auf 41,0 % im Jahr 2016.
Auch beim Haushaltstyp „Paar mit drei und mehr Kinder“ ist das Armutsgefährdungsrisiko anhaltend hoch: Es liegt im Jahr 2016 bezogen auf den Bundesmedian bei 33 %, bezogen auf den Landesmedian seit 2005 immer zwischen 31 und 45 %, im Jahr 2016 bei 39,8 %.
In beiden Gruppen zeigt sich die Frage nach der Vereinbarkeit von existenzsichernd bezahlter beruflicher Tätigkeit und Familienarbeit.
Besonders betroffen von Armut sind auch Erwerbslose, ihre Armutsquote ist bezogen auf den Landesmedian von 47,2 % im Jahr 2005 auf 53,1 % im Jahr 2016 gestiegen, bezogen auf den Bundesmedian von 43,7 auf 45,6 % im Jahr 2016.

Armut im Alter
Deutlich ist auch eine wachsende Bedrohung von Menschen über 65 Jahren. Die Armutsgefährdungsquote älterer Menschen in Hamburg stieg hier von 9,5 % im Jahr 2005 auf 15,3 % im Jahr 2016 (Landesmedian). Sozialpolitisch ist hier sowohl eine Änderung bei der Rentenpolitik (weg von der Fixierung auf Beitragsstabilität, weg vom Zwang zur privaten Vorsorge, Erhöhung des Rentenniveaus u.a.) gefragt als auch eine andere Politik zur Vermeidung prekärer Arbeitsverhältnisse (Beschäftigungsdauer, Einbeziehung in die Sozialversicherung , Einkommenshöhe etc.).

Armut und Migration
Etwa gleich hoch geblieben ist auch die Armutsbetroffenheit bei denjenigen Hamburgerinnen und Hamburgern, die keinen deutschen Pass haben, oder die selber oder in ihrer Familie eine Einwanderungsgeschichte haben. Die Armutsgefährdungsquote derjenigen ohne deutschen Pass ist seit 2005 von 36,6 % auf 40,6 % im Jahr 2016 gestiegen (Landesmedian). Bezogen auf den Bundesmedian lag die Quote im Jahr 2005 bei 33,8 % und 2016 bei 34,6 %.
Bei denjenigen mit eigener oder familiärer Migrationsgeschichte lag die Armutsgefährdungsquote im Jahr 2005 bei 33,8 % und im Jahr 2016 bei 35,7 % (Landesmedian) bzw. 30,9 % 2005 und 30,0 % 2016 (Bundesmedian). Im Durchschnittlich sind diese Quoten ca. dreimal so hoch wie bei den Menschen mit deutschem Pass oder ohne Migrationsgeschichte.
Quelle zu den bisher genannten Daten: Die amtliche Sozialberichterstattung

Dauer von Armut
Wichtig ist auch, wie lange man in einer solchen Armutslage lebt. Je länger, desto schwieriger wird die Bewältigung der Situation, desto stärker wird die Gefahr der Ausgrenzung und des Abgehängt-Seins.
Aktuelle Zahlen zur Dauer der Armut liegen nicht vor. Hilfsweise kann man auf die Dauer des Bezugs von SGB II Leistungen hinweisen bzw. auf den Effekt, selbst bei oder nach kurzfristiger Integration in Erwerbsarbeit wieder auf Leistungen des SGB II angewiesen zu sein.
Von den 182.631 SGB II-Regelleistungsberechtigten in Hamburg waren im Juni 2016:

  • 27.254 ein bis unter zwei Jahre im Leistungsbezug SGB II
  • 18.0554 zwei bis unter drei Jahre,
  • 13.511 drei bis unter vier Jahre,
  • 81 441 vier Jahre und mehr.           Quelle: Statistik Arbeitsagentur

Relative Armut
Betrachtet man Daten zur Einkommensarmut, ist es wichtig, das Konzept der relativen Armut zu erläutern. Es wird ja in Statements und Diskussionen immer wieder behauptet, dass dieses Verständnis von Armut falsch sein. Dem muss deutlich widersprochen werden. Es geht bei der relativen Armut um die Anerkennung der unterschiedlichen, eben sehr unterdurchschnittlichen Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten im Verhältnis zum gesellschaftlichen Durchschnitt. Wer über weniger Geld verfügt, verfügt über weniger Teilhabemöglichkeiten an der Gesellschaft. Diejenigen, die in diesem Sinne die Existenz relativer Armut bestreiten, befinden sich i.d.R. in einer sozialen Position der Überlegenheit. Sie haben genügend oder mehr als genug Geld. Sie haben auch bessere Chancen, den Lauf der Welt zu beeinflussen. Die Erkenntnisse über die Unterschiede in den politischen Einflussmöglichkeiten zwischen Armen und Reichen  sind ja  im Entwurf des aktuellen Armuts- und Reichtumsberichts der alten Bundesregierung enthalten gewesen und haben zu heftigen öffentlichen Debatten geführt. In der Endfassung des Berichts sind sie gestrichen worden.
Wer sich noch gründlicher mit der wissenschaftlichen und politischen Diskussion über relative Armut befassen will, findet gute Argumente in einer Stellungnahme des Arbeitskreises Armutsforschung.

Armut und Stadtteile
In Diskussionen über Armut wird schnell nach der Spaltung Hamburgs im Sinne von räumlich-sozialer Segregation gefragt. Tatsächlich sind die Lebensbedingungen in Hamburger Stadtteilen sehr unterschiedlich. Es gibt bei Statistik Nord sehr genaue Daten z.B. über die Verteilung der Bezieherinnen und Bezieher von grundsichernden Sozialleistungen in Hamburg. Die Unterschiede in den Stadtteilen können alle sehen, die mit offenen Augen durch Hamburg gehen oder fahren. Dass Menschen in Armut in bestimmten Stadtteilen häufiger vertreten sind als in anderen, liegt nicht zuletzt daran, dass in bestimmten Quartieren die Mieten noch bezahlbar sind, in anderen nicht mehr. Unter armuts- und sozialpolitischen Gesichtspunkten käme es darauf an, dass die Kitas, die Schulen, die Verkehrsanbindung, das Kulturangebot, die medizinische Versorgung und andere Faktoren der sozialen Infrastruktur überall gleich gut sein müssen und sich nicht nach dem sozialen Status und dem Einkommen der Bewohner/innen richten darf. Die Überwindung von Armut ist keine Frage der Geografie. 
Mieten sind ein wichtiger Armutsgefährdungsfaktor in Hamburg. Im jüngsten Sozialbericht Hamburg aus dem Jahr 2014 finden sich folgende Aussagen:

  • Im einkommensreichen Drittel beträgt die Belastung durch Mieten 17% des verfügbaren Einkommens (Bundesdurchschnitt 25%)
  • Im mittleren Einkommensdrittel beträgt die Belastung durch Mieten 29 % des verfügbaren Einkommens (Bundesdurchschnitt 25%)
  • Im unteren Einkommensdrittel beträgt die Belastung durch Mieten 45% des verfügbaren Einkommens (Bundesdurchschnitt 41%).

Soziale Spaltung in Hamburg
Ja, Hamburg ist eine sozial gespaltene Stadt, und diese Spaltung hat viele Dimensionen: Wohnungsmarkt, Arbeitsmarkt, politischer Einfluss etc. Betrachtet man den Hamburger Arbeitsmarkt und fragt nach Armutsrisiken, so stößt man auf Erwerbslosigkeit, Niedriglohnbeschäftigung und atypische Beschäftigung. Von atypischer Beschäftigung betroffen sind überdurchschnittlich Frauen, Jüngere, Nicht-Deutsche und Geringqualifizierte. Von Niedriglohnbeschäftigung betroffen sind überdurchschnittlich Frauen, Geringqualifizierte, Nicht-Deutsche, Jüngere und Beschäftigte in Dienstleistungsberufen. Nach wie vor gibt es auch in Hamburg Menschen, die erwerbstätig sind und trotzdem auf Grundsicherungsleistungen angewiesen sind. Es gibt Armut trotz Arbeit. Im August 2015 waren es in Hamburg ca. 34.000 Menschen, die ALG II aufstockend zu einem Erwerbseinkommen bezogen haben. 18.500 davon waren sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 5.200 in Vollzeit.
Quelle: Statistik Arbeitsagentur

Dass in Hamburg auch eine starke Reichtumskonzentration aufweist, sieht man an folgenden Daten: Hamburg hat die höchste Millionärsdichte in Deutschland. Unter den 500 reichsten Deutschen findet das Manager Magazin 2016 zwanzig Hamburger/innen mit einem Gesamtvermögen von 66 Mrd. Euro. Der Median der Einkünfte je Steuerpflichtigen lag in Hamburg im Jahr 2013 bei 25.449 €. Werden die Durchschnittswerte für die einzelnen Stadtteile ermittelt, so findet man eine Spanne von 13.777 bis zu 120.716 €.
Quelle: Statistik Nord

Politische Herausforderungen
Bei der Bekämpfung sozialer Spaltung ist Politik auf verschiedenen Ebenen gefordert. Denn Politik – und beim Arbeitsmarkt auch die Tarifpartner – gestaltet über gesetzliche Regelungen die Verhältnisse auf Arbeits- und Wohnungsmärkten mit. Sie gestaltet auch den Zugang zu sozialen Leistungen über soziale Rechte und durch das praktische Verwaltungshandeln. Wenn Menschen, die hier leben wollen, durch Gesetzesänderungen der Zugang zu Rechtsansprüchen abgeschnitten wird (wie derzeit einem Teil der EU-Bürger/innen), so werden prekäre und Armut erzeugende Situationen politisch hergestellt bzw. verschärft.
Faktisch gibt es in Hamburg Personengruppen, die von extremer Armut betroffen sind (etwa obdachlose Menschen) Nach wie vor gibt es auch Verbesserungsbedarf in der Verwaltungspraxis mancher Behörden, in denen Arme Sozialleistungen erhalten. Immer wieder gibt es Gesprächsbedarfe zwischen sozialen Beratungsstellen, Leistungsberechtigten, Verbänden und Jobcentern über die jeweiligen Erfahrungen und Verbesserungsmöglichkeiten.
Eine wichtige Maßnahme gegen soziale Spaltung ist auch die Stärkung und der Ausbau so genannter öffentlicher Güter wie etwa Kultur und Mobilität. Kinder und Jugendliche unter 18 haben in Hamburg freien Eintritt in staatliche geförderte Museen. Das könnte weiterentwickelt werden zu eintrittsfreien Tagen und auch Tagen mit pauschal niedrigem oder freiem Eintritt in staatlich geförderte Theater. Das wären kleine, aber wichtige Schritte in Richtung eines diskriminierungsfreien Zugangs zu städtisch subventionierten Kulturangeboten. Gleiches gilt auch für die Mobilität durch den ÖPNV. Sowohl sozial als auch ökologisch wäre ein fahrscheinfreier HVV optimal. Ein Schritt in diese Richtung wäre ein Sozialticket, das im gesamten HVV zu jeder Zeit gilt. 

Armutsbericht?
Ja ,aber wozu? Zweck der Armutsberichtserstattung bzw. weiter gefasst, der Sozialberichterstattung, müsste die Aufklärung der Stadt über ihre soziale Entwicklung sein. Eine solche Berichterstattung kann den Grundstein legen für eine politische Diskussion über die soziale Entwicklung der Stadt und über Herausforderungen, die politisch gestaltet werden müssen.
Vernünftig wäre eine integrierte Sozialberichterstattung, die vorhandene Hamburger Berichtsverfahren verknüpft und im Sinne einer „gesellschaftlichen Dauerbeobachtung“ (Bartelheimer) gestaltet. Denn eine solche Berichterstattung kann den Zweck einer Grundlegung oder Beratung politisch-normativer Entscheidungen nur erfüllen, wenn Verfahren, Gegenstände und Methoden der Berichterstattung so gestaltet werden, dass Entwicklungen wahrgenommen werden können, also Ergebnisse aus unterschiedlichen Jahren miteinander verglichen werden können.
Eigentlich müsste in Hamburg eine gründliche Bestandsaufnahme und Bewertung der vorhandenen Berichtswesen durchgeführt werden. Eine integrierte Sozialberichterstattung könnte auch klar zwischen Analyse und Bewertung trennen. Denn viele Berichterstattungen lesen sich eher wie die Leistungsschau der jeweiligen Regierung. Als erfolgreich kann eine Berichterstattung dann gelten, wenn es eine breite Beteiligung bei der Themenfindung und bei der Ergebnisdiskussion gibt. „Berichte sind dann erfolgreich, wenn sich der gesellschaftliche Streit um die Deutung sozialer Entwicklungen auf eine gemeinsame anerkannte Datengrundlage beziehen kann, wenn die Auswahl von Kern– und Vertiefungsthemen auf einem fachöffentlichen Konsens beruht und wenn die gesellschaftlichen Akteure Befunde gemeinsam diskutieren und interpretieren.“ (Bartelheimer)
Quelle: Bartelheimer, Peter(2015): Sozialberichterstattung in Hamburg. Eine Expertise im Anschluss an den Sozialbericht 2014