Diakonie Hamburg
Altenpflege
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Spiritualität in der Pflege

Lupe

Impulse und Inspirationen zur Förderung und Umsetzung einer spirituellen Kompetenz

Von Christel Ludewig

Spiritualität – ein Begriff, der sehr unterschiedliche Fragestellungen und Reaktionen auslöst. Was ist darunter zu verstehen? Wer braucht so etwas? Dafür sind Pflegekräfte doch nicht zuständig, sondern der Pastor oder die Pastorin. Bis dahin: Spiritualität ist zwar eine Selbstverständlichkeit, die dem Profil diakonischer Einrichtungen entspricht; allerdings machen die Rahmenbedingungen ein Umsetzung scheinbar unmöglich.

Im Folgenden werden, nach einer Analyse der Bedeutung von Spiritualität, Möglichkeiten der Förderung und Umsetzung einer spirituellen Kompetenz in der Praxis Pflegender erläutert.


Die Ist-Situation: Bedeutung von Spiritualität in der Pflege

Spiritualität als christliche Tradition

Ursprünglich waren christliche Spiritualität und Pflege untrennbar miteinander verbunden und die Begleitung kranker, alter, leidender und sterbender Menschen vorrangig in christlichen Ordens- und Schwesterngemeinschaften angesiedelt. Im Verlauf der zunehmenden Säkularisation und nicht zuletzt der Professionalisierung der Pflege insbesondere im 20 Jahrhundert kam es jedoch mehr und mehr zu einer Entfremdung zwischen Pflege und Spiritualität.

In den letzten Jahren entwickelt sich Spiritualität zu einem Thema, dass gesellschaftlich allgemein und in der Pflege und Medizin speziell wieder neu Beachtung erfährt. Dazu trägt sicherlich auch die noch relativ junge Bewegung Palliative Care mit der Ausweitung der ambulanten Palliativversorgung und der Implementierung einer Hospiz- und Palliativkultur in Altenpflegeheimen bei. Die palliative Haltung hat ihren Ursprung im christlichen Hospizgedanken und misst - neben der körperlichen und psychosozialen - der spirituelle Dimension eine hohe Bedeutung zu.

 

Spiritualität als ein schwer fassbarer Begriff

Spiritualität (v. lat.: spiritus = Geist, Hauch) ist ein schwer fassbarer Begriff. So definiert Der DUDEN Spiritualität als „Geistigkeit im Gegensatz zu Materialität“. Aktuelle Nachschlagewerke setzen Spiritualität mit Frömmigkeit gleich. Das Institut der Orden definiert Spiritualität als „Integration des gesamten Lebens in eine vom Glauben getragene und reflektierte Lebensform“. Nach Anselm Grün orientiert sich christliche Spiritualität am Geist Jesu Christi und bezieht sich in der Entfaltung eines geistlichen Lebens immer wieder auf die Worte und Taten Jesu.[1] Für die Pflege erscheint die Definition Fulbert Steffenskys besonders passend, indem er Spiritualität als „geformte Aufmerksamkeit“ bezeichnet, sowohl für das Unglück als auch das Glück von Menschen.[2]

Übergeordnet ist Spiritualität als ein vielschichtiges Phänomen zu bezeichnen. Es bedeutet nicht zwangsläufig die Zugehörigkeit zu einer festen Religion oder Glaubensgemeinschaft, sondern die ganz persönliche Suche nach Sinngebung, einer Grundorientierung in dieser Welt und dem Glauben an eine übermenschliche Kraft.

 

Spiritualität als grundsätzliches Bedürfnis des Menschen

„Spiritualität gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen.“ formuliert die International Work Group on Death, Dying and Bereavement in ihren Prinzipien. (IWG 1990) Auch wenn dieses Grundbedürfnis oft gar nicht bewusst ist und/oder sie es nicht artikulieren können, verbirgt sich in vielen Menschen eine Sehnsucht danach. Angesichts existenzieller Krisen wie Krankheit, Leiden, Verlust, etc. verstärken sich erwiesenermaßen die Suche nach Orientierung und Sinngebung sowie der Wunsch nach spiritueller Begleitung. So werden Pflegende immer wieder mit der Frage von Patient/innen oder Bewohner/innen konfrontiert, wie z. B. „Warum geschieht mir das?“, „Wer vergibt mir?“ oder „Was kommt nach dem Tod?“. Häufig werden sie auch auf ihren persönlichen Glauben an einen Gott angesprochen oder darum gebeten, mit ihnen oder für sie zu beten.

In diesem Zusammenhang brauchen professionell Pflegende ebenso wie die von ihnen Gepflegten spirituelle Begleitung.

 

Spiritualität als Kraftquelle

Forschungsergebnisse zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen Spiritualität und psychischer Gesundheit auf. So gelingt es gläubigen Menschen eher, Schmerz und Leid in ihr Leben zu integrieren, aber auch an Gott abzugeben. Professionell Pflegende ebenso wie pflegende Angehörige sehen in ihrer Tätigkeit trotz häufiger Belastungen eine sinnstiftende Aufgabe. Die Gewissheit des religiösen Menschen, von Gott geliebt zu sein, stärkt ihn in der Akzeptanz seiner selbst, trotz Schwächen, gesundheitlicher oder altersbedingter Einschränkungen sowie schwindender körperlicher Attraktivität. Ebenso kann der Glaube an einen Gott der Vergebung Menschen stärken, selbst ihren Mitmenschen zu verzeihen. Im Sterbeprozess kann ihnen ein leichteres Loslassen gelingen, wenn Versöhnung mit sich selbst und anderen Menschen erfolgt ist. Gebete und Gesänge fördern Entspannung und Konzentration und reduzieren z. B. Herzbeschwerden, chronische Schmerzen, Schlafstörungen. Außerdem profitieren Menschen, die einer religiösen Gemeinschaft angehören von einer sozialen Unterstützung, die sie zum einen aktiv im Gottesdienst oder anderen Gemeindeveranstaltungen erfahren. Zum anderen erleben sie in Krankheit und/oder Alter Unterstützung durch Besuche aus der Gemeinde.

 

Spiritualität als Qualitätsmerkmal

Pflegeeinrichtungen unterliegen auf dem Markt einer hohen Konkurrenz und müssen sich durch ihr eigenes besonderes Profil einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Das Definieren spiritueller Aspekte in Leitbildern, Konzepten und Standards sowie gelebte Spiritualität im Alltag sind ein besonderes Qualitätsmerkmal. Beispielhaft hierfür steht das DIAKONIE-SIEGEL: PFLEGE als Qualitätsmanagementsystem, das neben den gesetzlichen Anforderungen in seinem Bundesrahmenhandbuch spezifisch diakonische Inhalte festschreibt.

 

Spiritualität – als irrealer Anspruch?

In der Praxis geraten Leitung und Mitarbeitende zunehmend in den Konflikt zwischen diakonischen Qualitätsansprüchen und den Rahmenbedingungen in der Realität. In einer Zeit immer knapper werdender zeitlicher und personeller Ressourcen fällt es scheinbar schwer, Spiritualität zu leben. Ein weiteres Problem besteht sicherlich darin, dass vielen Mitarbeitenden - auch in der Diakonie – die Bibel, christliche Werte, Symbole und Rituale wenig vertraut sind. Es ist vorhersehbar, dass zukünftig immer weniger Mitarbeitende christlich sozialisiert sein werden.


Die Konsequenz: Förderung der spirituellen Kompetenz von Pflegenden

Die vorangegangenen Ausführungen überzeugen von dem Bedarf an der Förderung einer spirituellen Konsequenz sowohl im Interesse der alten und/oder kranken Menschen als auch der Pflegenden. Dabei ist zum einen zu beachten, dass Spiritualität in einem umfassenden, nicht ausschließlich religiösen Sinn verstanden wird. Zum anderen muss berücksichtigt werden, dass es sich bei Spiritualität um einen sehr intimen und persönlichen Bereich handelt, der ein hohes Maß an Sensibilität erfordert.

Spirituelle Kompetenz äußert sich im Erkennen, Wahrnehmen und Reflektieren spiritueller Dimensionen im Pflegealltag. Dafür müssen Pflegende zunächst lernen, ihre eigene Spiritualität zu reflektieren und auszudrücken.

 

Praxistipp: Einsatz einer Bildkartei

Zur Annäherung an das Thema „Spiritualität“ im Rahmen von Aus- oder Fortbildung oder Workshops auch innerhalb der Pflegeeinrichtung selbst empfiehlt sich der Einsatz einer Bildkartei. Bilder oder Fotos (pro Person ca. 3 Stück) mit christlichen und anderen Motiven z. B. aus der Natur werden ausgelegt. Die Teilnehmenden werden aufgefordert, die Bilder schweigend zu betrachten und sich eines auszuwählen, das sie mit dem Thema verbinden. In einer anschließenden Runde stellt Jede/r das ausgesuchte Bild und seine Gedanken und Gefühle dazu vor.

 

Darüber hinaus ist spirituelle Kompetenz eine Sensibilität für die Wahrnehmung spiritueller Bedürfnisse von alten und/oder kranken Menschen. Daraus resultiert dann die praktische spirituelle Begleitung im Pflegealltag. Sie sollte überwiegend von den Pflegenden selbst geleistet werden, beinhaltet aber auch die Kooperation z. B. mit Kirchengemeinden, Glaubensgemeinschaften, Seelsorger/innen.

Gerade Mitarbeitende in diakonischen Einrichtungen sollten die Bedeutung der christlichen Feiertage sowie die bekanntesten Kirchenlieder, Bibelverse und Gebete kennen. Im Rahmen einer multikulturellen Gesellschaft ist aber auch das Wissen um Wissen um die Bedeutung und Bräuche anderer Religionen und Kulturen von Belang.

Der Aspekt, dass sich Spiritualität mehr an Erfahrungen und Emotionen als an Lehren und Wissen orientiert, ist entscheidend für die Förderung spiritueller Kompetenzen. Demzufolge ist es empfehlenswert, dass sich das Thema Spiritualität wie „ein roter Faden“ durch Aus- und Fortbildung zieht und in den Pflegeeinrichtungen selbst im Alltag erfahrbar ist. Eine entscheidende Rolle kommt dabei Menschen zu, die Vorbildhaft ihren Glauben vermitteln und damit anderen ermöglichen, eine eigene Haltung zu gewinnen.

 

Die Umsetzung: Dimensionen spiritueller Begleitung in der Praxis

 

Spiritualität äußert sich in der Beziehung und Nähe zu Gott.

Beten ist eine Form, mit Gott in Beziehung zu treten. Das kann zum einen mit den Worten altbekannter Gebete wie z. B. dem Vaterunser erfolgen. Möglich ist aber auch, ein Gebet frei zu formulieren und dabei die Gedanken und Gefühle des betroffenen Menschen zum Ausdruck zu bringen. Darüber hinaus muss Beten nicht unbedingt reden, sondern kann auch schweigen und hören sein.

 

Praxistipp: Sammelordner mit Gebeten

Empfehlenswert ist das Anlegen eines Sammelordners mit Gebeten, Psalmen etc. als Loseblattsammlung, den die Mitarbeitenden selbst gestalten und je nach Bedarf nutzen können.


Beispiele für Gebete

 

Älterwerden

 

Nicht mehr alleine leben können

 

Guter Gott, Schöpfer und Erhalter meines Lebens.

Ich merke, dass ich bald nicht mehr allein

werde leben können.

Ich brauche Hilfe von anderen.

Das ist schwer anzunehmen

nach einem langen Leben in Selbständigkeit.

 

Vieles werde ich aufgeben müssen,

mein Haus, meine Wohnung,

meine vertraute Umgebung.

 

Es tut weh, Abschied nehmen zu müssen.

Es geht nicht mehr anders.

 

Hilf mir, die neue Situation zu akzeptieren

und auch das Gute daran zu sehen.

 

Ich danke Dir, dass es Menschen gibt,

die um mich sind

und die für mich sorgen werden.

 

Hilf mir,

Abschied nehmen zu können,

und hilf mir,

auf die neue Lebenssituation zugehen zu können.[3]

Krankheit

 

Mein Gott, ich rufe zu dir Tag und Nacht.

Ich kann meine Schmerzen kaum mehr aushalten

und wage gar nicht, an all das zu denken,

was noch auf mich zukommen mag.

 

Höre, Gott, heute, hier und jetzt!

Schenke mir deine Kraft,

schenke mir deinen Trost,

ich brauche dich, ich schaffe es nicht allein.

 

Du, der du dich in Jesus Christus

den leidenden Menschen zugewandt hast –

vergiss auch mich nicht!

 

Spiritualität zeigt sich in der achtsamen Begegnung mit anderen Menschen und sich selbst sowie übergeordnet mit der gesamten Schöpfung.

Eine achtsame und wachsame Begegnung zwischen Pflegekraft und zu Pflegendem erfordert eine grundsätzliche Offenheit. Offen zu sein bedeutet, alle Sinne nämlich das Hören, Sehen, Fühlen, Riechen und Schmecken zu nutzen. Das Hören, insbesondere das Zuhören spielt bei der Kommunikation in der Pflege eine besondere Rolle. Das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ fordert Pflegende auf, auch mit sich selbst achtsam umzugehen. Zum Schutz vor Überforderung müssen Pflegende auch immer wieder innehalten und ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse reflektieren. Achtsamkeit äußert sich auch in einer grundsätzlich dankbaren Haltung. Gerade in der Pflege werden den Beteiligten der Wert von Gesundheit und die Fähigkeit zur Selbstpflege besonders bewusst. Alle Weltreligionen preisen Dankbarkeit eine heilende Kraft.

 

Praxistipp: Die tägliche Dank-Besinnung

Diese Übung regt an abends vor dem Einschlafen mindestens drei Dinge (z. B. Menschen, Situationen, Reaktionen) in einem kleinen Büchlein aufzuschreiben, für die man dankbar ist. Das hilft, die negativen Ereignisse des Tages zu minimieren und sich auf das Gute des Tages zu konzentrieren. In schwierigen Zeiten kann das Lesen früherer Eintragungen helfen, dem Tag trotzdem etwas Positives abzugewinnen. Dabei geht es nicht darum, Probleme durch „positives Denken“ zu beschönigen, sondern auf die vielen schönen Kleinigkeiten im Leben zu achten.[4]

 

Spiritualität vermittelt sich im Kennen lernen der persönlichen Lebensgeschichte.

Die Bedeutung der Biografie gerade für die Pflege alter Menschen ist unumstritten. Das besondere Interesse am Mitmenschen spiegelt sich wider im Kennen lernen der individuellen Lebensgeschichte, aber auch dem sensiblen und verantwortungsbewussten Umgang mit entsprechenden Informationen.

 

Praxistipp :Die religiöse Biografie

Die religiöse Biografie sollte fester Bestandteil der Biografiesammlung sein. Bei der Aufnahme religiöser biografischer Daten ist insbesondere darauf zu achten, dass diese nicht grundsätzlich abzufragen sind. Zum Einen fällt es vielen Menschen schwer, ihre religiösen Empfindungen in Worte zu fassen, zum Anderen besteht bei manchen auch eine gewisse Scheu, ihre intimen – vielleicht auch scheinbar veralteten - Glaubensvorstellungen zu artikulieren. So ist Vieles erst in der täglichen Begegnung durch gute Beobachtung und hohe Sensibilität zu erspüren. Z. B. können religiöse Zeichen wie Bücher, Heiligenbilder, Medaillen oder Gottesdienste im Radio oder Fernsehen Anlass für ein Gespräch bieten.

Inhalte der religiösen Biografie:

·          Glaube

·          Religion

·          Orte der religiösen Sozialisation

·          Gottesbild

·          Bekannte Gebete

·          Besuch von Gottesdiensten

·          Feiern kirchlicher Feste

·          Konfirmations-/Trauspruch

·          Lieblingslieder/-texte

 

Spiritualität vermittelt sich in Gegenständen/Symbolen und lässt sich über sinnliche Erfahrungen erleben.

Jeder Mensch hat Gegenstände/Symbole oder sinnliche Erfahrungen, die für ihn von besonderer Bedeutung sind und mit denen er positive Erinnerungen verknüpft. Das können bei religiösen Menschen z. B. Gegenstände wie ein Kreuz oder Rosenkranz, Bilder von Engeln, das Hören von Kirchenmusik oder biblischen Texten, das Riechen von Honig oder Weihrauch sein. Unabhängig von der Religion ist es wichtig, zu beobachten, was dem einzelnen Menschen „heilig“ ist und es ihm, wenn möglich, anzubieten. In der Begleitung demenzkranker Menschen fungieren viele Symbole zudem als „Schlüssel zur Erinnerung“. Sie verschaffen Orientierung, helfen bei der Lebensrückschau, stärken das Selbstbewusstsein und fördern Gemeinschaft.

 

Praxistipp: Koffer, Schale, o. ä. mit religiösen/spirituellen Symbolen

Empfehlenswert ist eine Sammlung oben benannter Symbole. Daran sollten Mitarbeitende auch beteiligt sein. Diese Sammlung wird zum einen als Angebot für zu Pflegende und ihre Angehörigen verstanden, ihre spirituellen Bedürfnisse wahrzunehmen, zu artikulieren und zu leben. Eine solche Sammlung kann aber auch den Pflegenden selbst dienen, ihren Gefühlen und Wünschen Ausdruck zu verleihen und u. a. im Rahmen von Besprechungen oder Fortbildungsveranstaltungen Einsatz finden.

 

Spiritualität kommt auf im Leben von alltäglichen Ritualen und im Feiern besonderer Rituale.

Rituale bestimmen mehr oder weniger bewusst den Alltag eines jeden Menschen. Sie geben Ordnung, Sicherheit und Orientierung. Deshalb ist gerade in der Pflege das Einhalten von persönlichen Alltagsritualen u. a. bei der Körperpflege oder den Mahlzeiten von besonderer Bedeutung. Die innere Verbindung von Menschen durch Rituale wird insbesondere in der christlichen Gemeinschaft erfahrbar beim Feiern von Gottesdiensten oder kirchlichen Festen, aber auch außerhalb dieser z. B. in ritualisierten Redewendungen.

 

Praxistipp: Anzünden einer Kerze

Eine Kerze anzuzünden und brennen zu lassen viele Menschen unabhängig von ihrer religiösen Prägung eines der bekanntesten Rituale. So sollten Kerzen als Lebenslicht zu Geburtstagen oder zur Advents- und Weihnachtszeit Bedeutung finden. Aber auch das Anzünden einer Kerze zum Gedenken an Menschen in schwierigen Lebenssituationen oder zum Erinnern an Verstorbene ist ein Ritual, das verbindet und Trost spendet.


Spiritualität besteht in der Ausübung religiöser Handlungen in der Gemeinschaft, zu Zweit oder allein.

Die Teilnahme an Gottesdiensten oder Andachten ist für Menschen mit religiösen Bedürfnissen besonders wichtig. Pflegende sollten – wenn vorhanden – zu einrichtungsinternen Gottesdiensten einladen oder für Möglichkeiten des Gottesdienstbesuches in der eigenen Kirchengemeinde sorgen. Das Feiern des Abendmahles auch im kleinen Kreis hat nicht nur im Rahmen der Sterbebegleitung eine wesentliche Bedeutung. Segnung und Salbung erleben derzeit eine neue Geltung und werden beobachtbar insbesondere von demenzkranken Menschen wohltuend erlebt. Diese Handlungen müssen nicht durch Geistliche erfolgen sondern können auch von Laien gut in die jeweilige Pflegesituation integriert werden.

 

Praxistipp: Segnen

„Segnen“ lat. „benedicere“ bedeutet „Gutes sagen“. Neben den alt bekannten kirchlichen Segen, gibt es eine Vielzahl von Segenstexten für unterschiedlichste Lebenssituationen. Auch hier empfiehlt sich das Anlegen eines Sammelordners. Anstelle der meist allgemein gehaltenen Glückwünsche zum Geburtstag und zum Jahreswechsel oder als Beileidsbekundung im Trauerfall können individuell ausgesuchte Segen persönliche Gefühle verbalisieren und vermitteln zudem die Zusage, nicht allein sondern von Gott behütetet zu sein.

 

Segen für Menschen, die in meiner Krankheit zu mir stehen

Alle, die mir in meiner Krankheit nicht ausweichen,

alle, die mich besuchen,

alle, die mir zulächeln und mir die Hand reichen:

sie alle sollen von Dir, Gott, gesegnet sein.

Alle, die mir zuhören,

alle, die Angst haben, etwas Falsches zu sagen,

alle, die trotzdem mit mir reden:

sie alle sollen von Dir, Gott, gesegnet sein.

Alle, die mir erlauben, von meinen Schmerzen zu reden,

alle, die mich anschauen, auch wenn ich von Krankheit gezeichnet bin,

alle, die meine Not mit mir teilen:

sie alle sollen von Dir, Gott, gesegnet sein.[5]

 

Segen im Alter

Wenn deine Schritte langsamer werden

und dein Atem ins Stocken gerät

wenn dein Gedächtnis dich im Stich lässt

und deine Lebenskräfte schwinden

Dann wünsche ich dir Momente der Erinnerung

die dich dankbar werden lassen

über all das

was dir gelungen ist in deinem Leben

Die Gabe der Geduld wünsche ich dir

deine Zerbrechlichkeit annehmen zu können

um in deinen durchkreuzten Hoffnungen

die Nähe Gottes vertiefen zu können

So wirst du mitfühlend bleiben

und im Annehmen deiner Grenzen

weiterhin zum Segen werden für viele

 

Pierre Stutz (Quelle unbekannt)

 

Praxistipp :Salbung

Trotz neu erwachendem Interesse an der Krankensalbung, haben doch manche Menschen Vorbehalte gegenüber dieser Handlung, weil sie damit „die letzte Ölung“ verbinden. Deshalb braucht der/die Salbende ein besonderes Gespür für die Situation und muss sie individuell gestalten. Neben der eigentlichen rituellen Handlung, werden die Anregung der Sinne durch den intensiven Körperkontakt und das wohl riechende Salböl meist sehr positiv empfunden. So findet seit einigen Jahren auch das Angebot von Salbungsgottesdiensten für Demenzkranke und ihre Angehörigen zunehmendes Interesse.

Ablauf einer Salbung

·          Gebet zur Eröffnung z. B. „Jesus Christus, Sohn Gottes, ich bitte dich für diese Schwester/diesen Bruder, nimm ab von ihr/ihm alles, was sie/ihn hindert und belastet. Heile sie/ihn und schenke ihr/ihm Heil.“ Gemeinsam: „Amen.“

·          Salbung: dabei wird in der Regel der mit dem mit Salböl benetzten Daumen oder mit Zeige- und Mittelfinger ein Kreuz auf Stirn und Handflächen gezeichnet wird und z. B. folgende Worte gesprochen werden:

·          „… (Name), ich salbe dich im Namen des Dreieinigen Gottes. (Salbung) Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, gebe dir seine Gnade: Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, auf dass du bewahrt werdest zum Ewigen Leben. Geh nun hin in Frieden als Gesalbte / r Gottes.“ Gemeinsam: „Amen.“

·         Abschluss mit einem biblischen Segenswort z. B. „Gott, du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.[6]

Christel Ludewig, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, Lehrerin für Pflegeberufe, Consultant of Palliative Care; Koordinatorin für Fort- und Weiterbildung im Diakonischen Werk Hamburg, Fortbildungszentrum auf der Anscharhöhe

Erschienen in PFLEGEN, EFAKS Evangelischer Fach- und Berufsverband für Pflege und Gesundheit e. V., Heft 2009/ 4

 

Pflege und Spiritualität

Ein ABC mit Texten, Ritualen und kleinen Übungen

 

Dieser übersichtliche Leitfaden erschließt Mitarbeitenden in der Pflege die Bedeutung von Spiritualität in ihrem Arbeitsfeld neu. Originelle Anregungen und viele Tipps zum Weiterarbeiten inspirieren die Lesenden, auf einem scheinbar bekannten Gebiet neue und spannende Erfahrungen zu machen – und in Momenten der Entspannung und des Innehaltens wieder Kraft zu sammeln.

Mit vielen Beispielen, Gebeten, Übungen und Ritualen sowie Hinweisen auf weiterführende Literatur. Mit einem Vorwort von Klaus-Dieter Kottnik, Leiter des Diakonischen Werkes der EKD in Berlin.

Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, ISBN 978-3-579-06534-2, € 14,95

 



[1] Grün, A.: Die Quellen der Spiritualität, Kreuz Verlag, Stuttgart 2005

[2] Steffensky, F.:Schwarzbrot-Spiritualität, RADIUS-Verlag GmbH, Stuttgart 2006

[3] Schoenauer, H.: Leben gestalten Gebete zur Zeit, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008

[4] Ludewig, C.: Pflege und Spiritualität, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008

[5] Dennerlein, N./ Rothgangel, M.: Evangelischer Lebensbegleiter, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007)

[6] Amt für Öffentlichkeitsarbeit der Nordelbischen Ev. Luth. Kirche (Hrsg.): Salbung in der Evangelischen Kirche