Diakonie Hamburg
Altenpflege
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Interview mit der Gesundheitssenatorin im Diakonie-Report

„Pflege ist wichtig – dafür bin ich unterwegs“

Lupe Cornelia Prüfer-Storcks, Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz

Cornelia Prüfer-Storcks leitet seit 2011 die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz. Im aktuellen Diakonie 2/2013 erläutert sie ihre Strategie gegen den Fachkräftemangel in der Pflege: Unter anderem soll das Potenzial der vorhandenen Fachkräfte stärker genutzt werden. Ein weiterer Schwerpunkt im Interview ist der Stand bei der Landesinitiative „Leben mit Demenz“. 

 

Sie haben bei Ihrem Amtsantritt die Pflege vom Sozial- ins Gesundheitsressort geholt. Warum?

Cornelia Prüfer-Storcks: Gesundheit und Pflege gehören für mich selbstverständlich zusammen. Das zeigt sich auch an den Bemühungen, eine generalistische Ausbildung für den Pflege- und den Gesundheitsbereich zu schaffen, also die Ausbildungen in Kinderkrankenpflege, Krankenpflege und Altenpflege zusammenzuführen.

Die SPD will bundesweit 125.000 neue, tariflich entlohnte Stellen in der Pflege schaffen. Aber schon jetzt können freie Stellen nicht besetzt werden.

Um Pflegeleistungen zu verbessern, brauchen wir mehr Kräfte. Und auch in einer alternden Gesellschaft brauchen wir mehr Pflegekapazität. Das steht hinter der Forderung von Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Dass es nicht einfach wird, diese Stellen zu besetzen, ist vollkommen klar.

Was wollen Sie denn tun, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Der Engpass ist da, ohne Zweifel. Zum Beispiel in der Altenpflege: Vor Einführung der Ausbildungsumlage haben wir die Einrichtungen in Hamburg befragt, demnach waren 900 Arbeitsplätze für Fachkräfte und 600 für Assistenzkräfte nicht besetzt. Mit der Umlage sollen nun die Kosten der Ausbildung gerecht auf alle verteilt werden. Davon versprechen wir uns einen Schub an neuen Ausbildungsplätzen in der Altenpflege.

Das wird nicht reichen...

Deshalb haben wir das große Potenzial der vorhandenen Pflegekräfte im Blick. Ich denke an Beschäftigte in Teilzeit, die aufstocken wollen; an Fachkräfte, die ausgeschieden sind und nun zurückkehren könnten; oder an Assistenzkräfte, die man weiterbilden kann. Mit guten Arbeitsbedingungen, Qualifizierung und betrieblicher Gesundheitsförderung lässt sich dieses enorme Potenzial nutzen.

Hamburg hat bereits ein Förderprogramm mit EU-Mitteln, um Assistenzkräfte zu qualifizieren. Und wir engagagieren uns bei der Umschulung von Arbeitslosen zur Pflegefachkraft. Hier hatte die Bundesagentur für Arbeit zunächst nur zwei Jahre finanziert. Das dritte Ausbildungsjahr haben wir übernommen, weil Pflege ein anspruchsvoller Beruf ist und zwei Jahre nicht ausreichen. Die Bundesagentur ist dem inzwischen gefolgt – und wir kämpfen mit den anderen Ländern dafür, dass das so bleibt.

Das alles sind Beiträge, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Pflege ist wichtig, und es gibt kaum einen Bereich in meiner Behörde, in dem ich selbst so viel unterwegs bin, um das deutlich zu machen.

Die Diakonie fordert die Abschaffung des Schulgelds an privaten Altenpflegeschulen wie in Niedersachsen. Zieht Hamburg nach?

In Hamburg kann jeder Ausbildungsbetrieb die Schule frei wählen, mit der er zusammenarbeitet. Er kann sich also für die staatliche Schule entscheiden, die ja kein Schulgeld verlangt. Dazu kommt: Häufig bezahlen die Betriebe das Schulgeld, es belastet also die Auszubildenden gar nicht.

Wir glauben deshalb nicht, dass die Stadt mit der Übernahme von Schulgeld einen nennenswerten Beitrag zu höheren Ausbildungszahlen leisten könnte. Es wäre nur eine Verlagerung des Schulgelds auf den Steuerzahler, der aber schon das Angebot der staatlichen Schule finanziert.

Würden Sie also die Kapazität an der staatlichen Altenpflegeschule bei Bedarf ausweiten?

Ja, wir sind bereit und in der Lage, dort alle zu unterrichten, die den Beruf erlernen wollen. Diese Garantie haben wir immer gegeben.

Wird der Pflegeberuf nach Ihrer Ansicht schlechter geredet, als er ist?

Es hat sich sehr viel getan in den vergangenen Jahren. Wir haben eine gute Pflege mit motivierten Fachkräften, wir legen Wert auf Qualität, und an den Schwachstellen arbeiten wir. In der Bevölkerung ist der Pflegeberuf hoch angesehen. Einen schlechten Ruf haben nur die Arbeitsbedingungen, die Aufstiegsmöglichkeiten und die Bezahlung. Aber auch daran müssen wir arbeiten.

Sie haben vor einem Jahr die Landesinitiative Leben mit Demenz gegründet. Die erste Arbeitsphase ist nun um – mit welchen Ergebnissen?

In der Landesinitiative engagieren sich mehr als 80 Institutionen und Akteure, das ist sehr erfreulich. Folgende konkrete Verbesserungen haben wir uns gemeinsam vorgenommen:

  • eine bessere Übersicht über bestehende Angebote für Bürgerinnen und Bürger und Fachleute,
  • Informationsangebote für Berufstätige, die zuweilen mit Menschen mit Demenz zu tun haben könnten,
  • die bessere Berücksichtigung der Bedürfnisse von Menschen mit Demenz im Krankenhaus,
  • die Gestaltung von Wohn-Pflege-Einrichtungen nach den Bedürfnissen von Menschen mit Demenz.

Weitere Projekte werden noch beraten und entwickelt.

Wie geht es in der Landesinitiative weiter?

Bis Ende 2014 werden die vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt. Zum Beispiel wird es ein Projekt zur Quartiersentwicklung für Menschen mit Demenz geben.

Sind mehr Wohngruppen für Menschen mit Demenz geplant?

Der Ausbau der Wohnformen liegt mir sehr am Herzen. Derzeit haben wir etwa 25 ambulante Wohngruppen. Um zusätzliche zu schaffen, sind wir im Gespräch mit Wohnungsunternehmen und Initiativen. Investitionen werden ja bereits durch die Hamburgische Investitions- und Förderbank unterstützt. Aber wir könnten eventuell Konzeptentwicklung und Umsetzung stärker fördern – an dem Thema sind wir dran.

Und die Wohngruppen im stationären Bereich?

Es gibt eine große Nachfrage von Angehörigen nach alternativen Betreuungsformen für Menschen mit Demenz, zugleich haben Pflegeheime freie Kapazitäten. Deshalb wird sich ein Teilprojekt im Rahmen der Landesinitiative damit beschäftigen, wie große Stationen zu kleineren, überschaubaren Wohngruppen werden können. Das führt hoffentlich dazu, dass Betreiber solche Angebote schaffen.

Für die Wohngemeinschaften in stationären Einrichtungen gibt es fachliche Anforderungen, die Ihre Behörde mit erarbeitet hat. Doch über die Pflegesätze lassen sich die Anforderungen offenbar nicht finanzieren.

An vielen Stellen in Hamburg und darüber hinaus wird schon jetzt bewiesen, dass es möglich ist, diese Wohnformen im Rahmen der normalen Finanzierung zu gründen und zu betreiben. Wo wir unterstützen können, tun wir das – zum Beispiel durch Flexibilität, indem wir von bestimmten Anforderungen absehen, die normalerweise an Pflegeeinrichtungen gestellt werden.

Über die Entgelte in der ambulanten Pflege verhandeln die Leistungserbringer einerseits, die Pflegekassen und die Stadt als Sozialhilfeträger andererseits. Nun sind die Verhandlungen gescheitert, die Schiedsstelle ist eingeschaltet. Damit gelten die bisherigen Konditionen weiter, die aber kaum eine tarifgerechte Bezahlung der Mitarbeitenden ermöglichen.

Ich bedauere die Anrufung der Schiedsstelle und hätte eine pragmatische Verhandlungslösung bevorzugt. Zunächst mit Mustereinrichtungen Vereinbarungen zu schließen, die später für alle gelten könnten, das wäre ein gangbarer Weg gewesen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Erschienen im Diakonie-Report 2 | 2013. Den aktuellen Diakonie-Report können Sie sich hier als PDF herunterladen.