17.05.2012
       
fachthemen-Diakonisches Werk Hamburg
 
Mitte(n) im Abstieg? Neue soziale Ungleichheiten im wohlfahrtsstaatlichen Wandel
 

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Mitte(n) im Abstieg? Neue soziale Ungleichheiten im wohlfahrtsstaatlichen Wandel

Die Folgen wirtschaftlichen Strukturwandels und der Neujustierung wohlfahrtsstaatlicher Politik erreichen mehr und mehr die Mitte der Gesellschaft. Stabile Status- und etablierte Wohlstandspositionen werden fragil. Die Zeichen sind nicht zu übersehen: Der Niedergang der Mittelklassefirmen „Opel“ und „Karstadt“, die Produkte für die mittleren Lagen der Gesellschaft herstellen, und die ihr Personal zu Mittelklassekonditionen beschäftigten, symbolisieren diese Prozesse in beispielhafter Weise. Höchste Zeit für die Sozialwissenschaft die soziale Übergangs­zone in den Blick zu nehmen, in der die Weichen Richtung Aufstieg oder Abstieg, Integ­ration oder Ausgrenzung, Etablierung oder Deklassierung gestellt werden. Zwei Begriffe – „soziale Verwundbarkeit“ und „prekärer Wohlstand“ – erweitern das wissenschaftliche Vokabular, um diese neuen Ungleichheiten beschreiben und analysieren zu können.

 

Was hat es mit diesen Begriffen auf sich? Den Begriff der „sozialen Verwundbarkeit“ finden wir in den sozialhistorischen Arbeiten Robert Castels. Castel identifi­ziert verschiedene Zonen gesellschaftlichen Lebens: die Zone der Integration, der Ver­wundbarkeit und der Ausgrenzung. Diese Zonen unterscheiden sich je nach dem, wie gesichert die individuelle bzw. familiäre Stellung in der Erwerbsarbeit und wie stabil die Einbin­dung in soziale Netze ist. Mit Blick auf die wachsende Prekarität der Beschäftigung, auf die veränderte Qualität sozialer Beziehungen und auf den aktuellen Zu­schnitt staatlicher Politik spricht Castel von einer Ausweitung der Zone der Verwund­barkeit, ja sogar von der drohenden Rückkehr „massenhafter Verwundbar­keit“. Der Begriff der „sozialen Verwundbarkeit" steckt eine Zone der Wahrscheinlich­keiten ab, in der es um Abstiegsdrohungen geht, aber eben nicht um Exklusionsgewiß­heiten. Die ge­fühlte soziale Ungleichheit und Unsicherheit kommen mit die­sem Begriff ins Spiel. Der Begriff des „prekären Wohlstands“ etablierte sich zunächst in der Armutsforschung. Mitte der neunziger Jahre machte der Sozialwissenschaftler Werner Hübinger auf eine expandierende Einkommenszone aufmerk­sam, die zwischen Armut und gesicherten Wohlstandspositionen angesiedelt ist. Das Auskommen mit dem Ein­kommen fällt in dieser Zone schwer. Der Begriff „prekärer Wohlstand“ markiert einen gefährdeten Lebensstandard und er signalisiert: materielle Restriktionen finden sich nicht erst in den verarmten und langzeitarbeitslosen Randla­gen der Gesellschaft. „Prekärer Wohlstand“ ist zudem ein relationaler Begriff, der sich durch soziale Abstände defi­niert, und der auf ambivalente Erfahrungen und Selbst­definitionen verweist – eben auf das Spannungsverhältnis zwischen „Prekarität“ und „Wohlstand“. Seit kurzem ist "prekärer Wohlstand" auch offizielle Kategorie des Da­tenreports des Statistischen Bundesamtes. Der Kategorie des „prekären Wohlstands“ werden diejenigen Haus­halte zugerechnet, deren Einkommen sich zwischen 50% bis 75% des arithmeti­schen Mittels der monatlichen Haushaltsnettoeinkommen bewegen. 25% aller Haushalte in Deutschland werden dieser Einkommens-zone zugerechnet. Beide Begriffe nehmen somit eine fragile, prekäre, materiell und sozial unsichere Zone in den Blick, in der es zwar noch nicht um Armut und Arbeitslosigkeit, um Marginalisierung und soziale Ausgrenzung geht, aber in der man sich seines erreichten Lebensstandards und seiner errungenen beruflichen Position dennoch nicht sicher sein kann. Was sind die Ursachen und Triebkräfte für die gesellschaftliche Ausdehnung dieser Zone?

 

 

 

Ursachen und Triebkräfte sozialer Verwundbarkeit

 

1. Industrie- und arbeitssoziologische Studien verweisen auf neue Konzepte der Unternehmensorganisation und der betrieblichen Personalplanung und -rekrutierung. Eine zentrale Folge der Neuausrichtung betrieblichen Handelns ist der Verlust der integrativen Kraft der Unternehmen. Durch die Projektförmigkeit der Arbeitsabläufe verlieren Beschäftigungsperspektiven und Karriereerwartungen an Kalkulierbarkeit. Die Strategien „interner“ Flexibilisierung führen zu einer fortschreitenden Vereinzelung der Arbeitsbeziehungen. Arbeitsverträge werden spezieller, variabler und personalisierter – und damit auch verwund-barer. Die staatlich geförderte Expansion der Leiharbeit und der befristeten Beschäftigung sind hierfür gute Beispiele. Die Strategien der „externen“ Flexibilisierung, die Aufspaltung der Unternehmen in Netzwerkstrukturen und die Neugliederung der Betriebe in „Cost“- oder „Profitcenter“ haben eine Dekollek-tivierung der Arbeitsorgani­sation zur Folge und fördern Selektionsprozesse unter den Beschäftigten. Mit Blick auf die Stabilität und die Perspektiven von Beschäftigungsverhältnissen vertiefen sich soziale Unterschiede und Ungleichheiten innerhalb der Betriebe. Kurzum, die Erwerbsarbeit ver­schwindet zwar nicht, gleichwohl verändert sich die Organisation und die Physiogno­mie der Erwerbsarbeit.

 

2. Die familiensoziologische Forschung macht uns immer wieder darauf aufmerksam, dass die Familie als Institution des Zusammenlebens verschiedener Generationen keineswegs dramatisch an Bedeutung einbüßt. Auch in sozialen Krisensituationen bleiben familiäre Beziehungen relevant. Dennoch: die „Sicherheitsnetze“ der Familie verlieren an Tragfähigkeit. Viele Familien sind materiell und sozial überfordert bzw. bewegen sich am Rande der Belastbarkeit - ohne dabei besondere öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Zugleich verringert sich mit der Norm der Ein-Kind oder Zwei-Kind Familie die soziale Reichweite und Tragfähigkeit der Institution Familie. Daran ändert auch die soziologische Entdeckung der multilokalen Multioptionsfamilie nichts. Hinzu kommt schließlich eine dramatische Entwertung der Familienarbeit, die weder Prestige noch Anerkennung bringt. Für Männer schon gar nicht, aber auch für Frauen immer weniger. „Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur die Arbeit wartet“ – diese prägnante Formel von Arie Russell Hochschild beschreibt die Lage, den Status, die Tragfähigkeit und die Rolle der sozialen Institution Familie nach­drücklicher als manche statistische Kennziffer zu Eheschließung, Scheidung und Kinderzahl.

 

3. Der Konsum von Waren und Dienstleistungen hat in der symbolischen Ordnung der Gesellschaft eine soziale Signalfunktion. Der englische Soziologe Zygmunt Bauman spricht von der Scham und der sozialen Randstellung derer, die am Warenkreislauf der Gesellschaft nicht in gewünschter und erwarteter Weise teilhaben können. Die Fähigkeit zu demonstrativem Konsum gerät, so Bauman, mehr und mehr zum Exempel und Maßstab eines erfolgreichen und gelungenen Lebens. Die sprunghaft steigende Zahl überschuldeter Haushalte und deren Belastung durch Konsumentenkredite lässt Rückschlüsse auf finanzielle Strategien zu, mit deren Hilfe Ungleichheiten in den Teilhabemöglichkeiten an der Warenwelt auszugleichen versucht werden bzw. erreichte Wohlstandspositionen verteidigt werden. Die Tatsache, dass die Finanzierung des eigenen Lebens und dessen symbolische Ausgestaltung für mehr und mehr Haushalte auf tönernen Füßen steht, verweist auf die Herausbildung sozialer Verwundbarkeiten und prekärer Wohlstandslagen.

 

4. Der Wohlfahrtsstaat mag sich in einer finanziellen, politischen und auch ideologischen Steuerungskrise befinden. Von einem Ende des Staates kann dennoch keine Rede sein – gerade die Interventionen des Staates in die Sphäre der Erwerbsarbeit waren noch nie so mannigfaltig wie heute. Mit anderen Worten: Wenn Ar­beitslose ihre Lebensversicherung aufbrauchen müssen, bevor sie staatliche Unterstützungsleistungen erhalten, wenn qualifizierte Facharbeiter vom Arbeitsamt in die Leiharbeit gedrängt werden, wenn Familien vom Job-Mix im staatlich geförderten Niedriglohn­sektor existieren, wenn öffentlich darüber räsoniert wird, die Kriterien der Sozialaus­wahl in Betrieben abzuschaffen, wenn bei der Arbeitssuche der berufliche Bestand­schutz aufgehoben ist, wenn nur noch "Kurzzeit-Arbeitslosen" der Weg in weiterbil­dende und arbeitsschaffende Maßnahmen geöffnet wird, wenn das öffentli­che Be­wusstsein mehr und mehr von der autoritären Zwangsvorstellung beherrscht wird, dass jede Arbeit besser sei als keine Arbeit – dann sind wir nicht Zeugen eines Rück­zugs des Staates, sondern einer neuen politischen Ordnung des Wohlfahrts­staates. Schließlich kann auch von einer Konfrontation „Staat“ versus  „Markt“, die auf divergente soziale Ordnungsvorstellungen verweist, nur schwerlich die Rede sein. Es sind doch gerade staatliche Agenturen, die intensiv auf die Einführung von Markt­prinzipien drängen – in allen Feldern wohlfahrtsstaatli­cher Politik und insbesondere in der öffentlichen Verwaltung selbst. Die Ökonomisie­rung des Politischen ist ein Projekt der Politik.

 

Mitte(n) im Abstieg?

Tatsächlich spricht vieles dafür, dass soziale Stellungen und Positionen in den bislang gesicherten Milieus der Facharbeiter und der Fachangestellten brüchig werden, und dass sich neue berufliche Gefährdungen im Zentrum der Gesellschaft entwickeln: Die Risiken spezifischer familiärer Lebenslagen, die Fallen der Verschuldung oder die Prekarität der Selbständigkeit ohne finanzielles Hinterland treten hervor. Wenn die soziale Mitte der Gesellschaft in den Blickpunkt rückt, dann geht es um Alleinverdienerhaushalte, die ihr familiäres Budget in prekärer Balance zu hal­ten versuchen und deren Wohlstand auf einem fein ausbalancierten Gefüge von Kreditrückzahlungen beruht. Oder es geht um Beschäftigte in Kleinbetrieben, die durch den Verzicht auf Lohn und Arbeitnehmerrechte, den eigenen Arbeitsplatz zu stabilisieren versuchen, oder auch um Angestellte im öffentlichen Dienst, die unter dem Druck von „benchmarking“ und „new public management“ stehen. Allesamt Fälle für den Wohlfahrtsstaat? Im Prinzip, ja.

 

Doch alles deutet darauf hin, dass die neue Architektur wohlfahrtsstaatlichen Handelns immer weniger im Sinne eines „sorgenden Staates“ beschrieben werden kann – „sorgend“ im doppelten Sinne: mit Blick auf die Minimierung sozialer Risiken bzw. Ungleichheiten und mit Blick auf die Bereitstellung qualifi­zierter und disziplinierter Arbeitskräfte. Die Architektur wohlfahrtsstaatlichen Han­delns orientiert sich mehr und mehr am Modell des „Wettbewerbs- und Kontrollstaates“. Das heißt, die „Vermarktlichung“ staatlichen Handelns, die wir aktuell erle­ben und die vor allen Dingen auf die „Mitte“ der Gesellschaft zielt, geht mit der Aus­weitung von Kontrollpraktiken und Zwangsmaßnahmen insbesondere in den sozialen Randlagen einher. Kostengünstige Lösungen sozialer Fragen sind erwünscht.

 

Die Architektur des Wohlfahrtsstaates verändert sich und mit ihr das Verständnis von Staatsaufgaben. Für den französischen Sozialhistoriker Robert Castel liegt genau hierin die zentrale Ursache für eine Rückkehr der „massenhaften Verwundbarkeit“. In historischer Perspektive, so Castel, lösten sich gemeinschaftliche Bindungen der Klasse, der Nachbarschaft oder der Familie auf und gingen in kollektiv-staatliche Sicherungen und Bindungen über. Die aktuelle Auflösung dieser kollektiven Sicherungen und Bindungen kann heute durch gemeinschaftliche Bindungen und Sicherungen nicht ohne weiteres ausgeglichen werden. Diese Form des „negativen Individualismus“, von dem Castel immer wieder spricht, bekommen nun verstärkt auch diejenigen zu spüren, die bislang vom Wohlfahrtsstaat ausschließlich profitiert haben. Eine neue Epoche im Umbau des Wohlfahrtsstaates scheint angebrochen zu sein – die soziale Mitte gerät unter Druck, ihr Wohlstand verliert an Stabilität und droht prekär zu werden, ihre soziale Verwundbarkeit wächst. Das „wohlfahrtsstaatliche Arran­gement“ war über Jahrzehnte ein zuverlässiger Garant kollektiver sozialer Aufstiege oder zumindest kollektiver Statussicherung. Das zentrale Bauele­ment der neuen Architektur des Wohlfahrtsstaates ist dagegen der Entzug sozialer Statussicherung. Abstiegsgefahren drohen. Dem Wohlfahrtsstaat geht es nicht gut und das schon seit geraumer Zeit - die sozialen Kreise, in denen das zu spüren ist, weiten sich aus. Doch die Neuordnung des Wohlfahrtsstaats ist keineswegs nur ein Feld akademischer Expertisen. Denn die Frage nach der politischen Ordnung der Gesellschaft ist immer auch eine Frage nach ihrer demokratischen Qualität.


 
 
   
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