07.02.2012
       
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Reise zu den Turnschuh-Näherinnen in Jakarta vom 12.-22.9.05
 

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Hintergrund der Reise
Ich reise nach Jakarta/Indonesien zu den Turnschuh-Näherinnen. Sie sind froh, für internationale Sportartikelfirmen produzieren zu können, trotz der niedrigen Löhne - Verdienst an einem 100-Euro-Turnschuh: 40 Cent! Schlimm sind für sie schlechte Arbeitsbedingungen wie Staub und Überstunden ohne Pausen. Zwar haben Firmen, z. B. adidas, versprochen, ihre Zulieferer auf soziale Mindeststandards zu verpflichten, aber die werden oft nicht eingehalten.
 
Jetzt lernen Arbeiterinnen in einem von "Brot für die Welt" und anderen unterstützten Projekt "Direkter Kont@kt", darüber selbst zu wachen und per E-Mail Bericht zu erstatten. Ich begleite bei dem Besuch die Projektleiterin Edelgard Abram, die die Verhältnisse und die Sprache sehr gut kennt. In Deutschland werden Interessierte gesucht - eine Gruppe hat sich schon gefunden - die diesen direkten Kontakt aufnehmen wollen.
 
12.9.05 Es geht los
Im ersten Internet-Café - in der Susannenstraße im heimatlichen Schanzenviertel. Bis auf die Möglichkeit, das am Samstag in der City geschossene Turnschuhfoto zu übertragen, klappt die Technik.
 
Ich denke an die Auswanderer, die vor gut 300 Jahren sich auf die gleiche Reise machten. Junge Männer, die versuchten, ihr Glück im fernen Niederländisch-Indien im Dienste der niederländischen Handelsgesellschaft zu machen. Kein Vergleich mit heute!
 
13.9.05 Gut angekommen?
Die Kolleginnen und Kollegen in Hamburg sind gespannt, wie der Flug verlaufen ist und freuen sich auf erste Eindrücke aus Jakarta. Wir warten...
 
13.9.05 Free Internet in Singapore
Noch bevor wir die asiatische Erde wirklich betreten haben - bis jetzt ist es nur Teppichboden - locken uns die kostenlosen "Internet-Stehcafés". Jetzt ist es 11.10 Uhr in Hamburg, wir sind dem Tag schon voraus geeilt und haben hier späten Nachmittag. Ein erstes Gespräch üben den Zweck der Reise mit unserer englischsprachigen Sitznachbarin im Airbus ergab: Sie hat von den Clean Clothes Campaign schon gehört.
 
14.9.05 Nähen für die FIFA in Deutschland
Bild vergrößern Ein Oberteil wird genaeht.
Heute sind wir schon um 7.00 aus unserem kirchlichen Gästehaus abgeholt worden auf eine lange Tour zu drei Turnschuh- und Sportbekleidungsfabriken, die für Addidas und Nike produzieren. Der erste Eindruck: Die Arbeiterinnen arbeiten unter Druck für wenig Geld, aber so schlecht geht es ihnen nicht. Abends die erste Runde nur mit Arbeiterinnen und einem Gewerkschafter in einem Privathaus. Viele neue Eindrücke, von Sportschuhen, einem Socccer Center, das mit deutschen Schildern für die FIFA dekoriert war, aber auch vom Land, denn die Fabriken liegen 60-80 km außerhalb. Jetzt hat mich, da das Internet aus dem Gästehaus (sehr hübsch im Kolonialstil) doch nicht funktioniert, der Freund des Portiers "gegen Benzinkosten" auf seinem Motorroller zum nächsten Internetcafé gebracht. Die schönste Fahrt des Tages - ohne Klimaanlage durch die warme Nacht.
 
15.9.05 Viele neue Kontakte
21 Uhr Wir sind wieder im Hotel und trinken ein kühles Getränk. Wenn wir zu den Zimmerdecken hochsehen, dann sehen wir, dass der starke Regen feuchte Kreise an die Decken gemalt hat. Heute haben wir mit Gewerkschaftlern gesprochen. Wieder viele neue Kontakte gehabt. Die Gesprächspartner – insbesondere die Arbeiterinnen – freuen sich darüber, dass sie und ihre Lebenssituation von uns wahrgenommen werden. Morgen werden wir unsere Projektpartner besuchen. Wir werden auch versuchen, die ersten Fotos ins Netz zu stellen.
 
16. 9.05 Das Seminar mit den Arbeiterinnen hat begonnen
Danke an den Kollegen in Hamburg, der sich gestern telefonisch Erlebnisse erzählen ließ und dann den Weblog fortgeführt hat. Wenn ich abends auf dem Laptop Notizen übertrage und Fotos sichte, komme ich an kein Ende.

Jetzt sitze ich seit zwei Stunden im Büro der "Urban Community Mission" und probiere die Technik aus. Einerseits toll, dass es das Internet gibt. Andererseits auch frustrierend für jemand wie mich, die nicht den Chip-Daumen hat und mit allem gleich klar kommt. Das schlimmste in Jakarta sind die Fehlermeldungen von Microsoft!

Als der PC gerade wieder "hanging" war und die Sekretärin ihn flott machte, bin ich rausgegangen in den sonnigen, tropischen Garten. Das Seminar hat mitlerweilen begonnnen. Jetzt ist Mittagspause und Zeit zum Freitagsgebet für die Muslims. Gleich kam eine Seminarteilnehmerin auf mich zu und unterhielt sich mit mir. Dieser Kontakt mit der englischen Sprache, wenn auch etwas mühsam, weil keine von uns 100 % des Vokabulars der anderen kennt, ist eine Wohltat verglichen mit den PC-Botschaften, denn er ist verbunden mit freundlichem Lächeln und menschlichem Kontakt.

Edelgard Abram ist mit der Leiterin der "Urban Community Mission" zu einer Textilfirma gefahren, in der die Arbeiterinnen so unter Zeitdruck gesetzt werden, dass sie sich nicht einmal trauen, zur Toilette zu gehen. Auch eine Amerikanerin und Koreaner waren dabei - der Besitzer stammt aus Korea. Das internationale Interesse soll helfen, den Druck auf das Management zu erhöhen.

Abends lerne ich durch Christin, eine Mitarbeiterin von UCM, endlich ein gutes Internetcafé kennen. Jetzt klappt es doch noch mit den Fotos, zuerst mit dem frisch geschossenen Gruppenfoto. Siehe im Forum!
 
17.9.05 Eine Website reist um die halbe Welt
Mit viel Elan machten sich heute abend die rund 25 Teilnehmerinnen an den ersten Chat im Forum auf dieser Website. Bei manchen wurde die Geduld auf eine harte Probe gestellt, wenn der Inhalt auf seiner Reise um den halben Erdball irgendwo über Arabien hängenblieb ... Aber bei denen, die an den schnelleren Computern saßen, flogen nach einer kleinen Eingewöhnung die Finger nur so über die Tasten. Und das, obwohl nur wenige bisher nennenswerte Erfahrung mit dieser Kommunikationsform hatten. Das ganze kostete übrigens etwa 1 Euro umgerechnet pro Person. Wer die hin- und hergesandten Mails nachliest - diese Spendengelder waren gut angelegt!
 
18.9.05 Sonntag in Jakarta
Heute feierte Indera Nababan, der Gründer der UCM, seinen 65. Geburtstag - mit den jungen Leuten des Workshops und seinen Kolleginnen und Kollegen als Hauptgästen. Das Programm, das ich mir noch nachträglich übersetzen lassen werde, bestand aus einer eindrucksvollen Mischung von Gedichten, kleinen Reden, viel Musik und islamischen und christlichen Gebeten. Wer welche Religion unter den TeilnehmerInnen hatte, war jetzt sichtbar daran, wer an welchen Gebeten besonders andächtig teilnahm.

Mittags, während des Geburtstagsessens, sprachen wir noch mit einem Mann aus Aceh, der Hilfe für die demokratische Schulungsarbeit der Bevölkerung vor den Wahlen im April 2006 sucht. So verständlich sein Wunsch nach einigen Erklärungen und Nachfragen ist, mehr als den Kontakt zu den Indonesien-Partnern aus der Aktion "Deutschland hilft" herzustellen, können wir nicht versprechen. Die NGOs vor Ort sind noch zu sehr mit direkter Nothilfe beschäftigt, um dafür ein offenes Ohr zu haben, so ist zumindest sein Eindruck. 

 Jetzt ist das Seminar zu Ende gegangen - mit vielen Abschiedsgrüßen, "Kommt bald wieder"-Wünschen und einer Fotosession:  alle TeilnehmerInnen mit ihrem Zertifikat vor der Brust fürs Internet. Das schnelle Umsetzen von Ereignissen ins Internet war für mich eine ausgezeichnete Übung.

Der lange Wahlabend, den tagesschau.de verspricht, wird leider wohl die Öffnungszeiten der erreichbaren Internetcafés überschreiten. Ich bin trotzdem froh, dass wir nicht im Indonesia Plaza einquartiert sind!

 
20.9.05 Wati hofft

Die deutsche Wahl ist auch für indonesische Zeitungen ein Thema. Näheres erhoffe ich gleich bei einer Surftour zu erfahren. Das bisschen Wahlsendung bei BBC World zeigte, dass wir wirklich weit weg sind.

 Heute habe ich einen ersten Artikel für die Nordelbische Kirchenzeitung geschrieben und abgeschickt. Unglaublich schwer, aus der Fülle des Materials auszuwählen! Als ich gerade über die junge Frau schrieb, die Samstag Abend vor dem Chat hereinschneite – nein, das Wort passt hier nicht richtig – die also plötzlich zu der Workshopgruppe stieß, als wir beim Essen waren und dann gleich mit ihrer Geschichte zum Thema wurde, als ich also gerade über sie schrieb, da kam sie plötzlich durch die Tür des Hauses der UCM.

Und ich hatte es schon bedauert, dass ich sie an dem Abend nicht noch näher über ihre Lebensumstände interviewt hatte. Sie war morgens beim Arbeitsministerium gewesen und wollte sich jetzt mit den Mitarbeitern von PMK über die nächsten Schritte beraten. Wie war das überhaupt für sie, plötzlich im Internet zu stehen, fragten wir sie. Sie fand es schön, dass ihre Geschichte schon in Deutschland angekommen war und hofft, dass die Firmen, für die sie produziert, von dem Problem in ihrem Betrieb erfahren. Mehr zu ihr, das ist ein eigenes Kapitel.

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